Austrian Psycho

Roman auf der Suche nach einem Verlag - work in progress

Kapitel acht


Viktor


Tag vor dem Tage, gelobet seist du, denn aller Fleiß, der männlich-schätzenswerte, ist morgentlich, deklamiere ich stumm in den Wiener Nachthimmel und halte vergeblich Ausschau nach einem unwahrscheinlichen Streifen Morgendämmerung am Horizont. Nix zu sehen. Wo ist hier überhaupt Osten? Ich drehe die Landstraßer Hauptstraße und den Rochusmarkt in meinem Kopf in alle Richtungen, ohne Ergebnis, und so drehe ich den Kopf in alle Richtungen. Wo ist hier überhaupt Horizont? Fünf Gedenksekunden für Frau Hasicka, die Deutschlehrerin in der Volksschule, die uns mit einer täglichen Dosis Goethe und Schiller für die Härten des Lebens wappnen wollte wie Mütter ihre Kinder mit einem Löffel Sanostol. Ob sie sich darüber gefreut hätte, daß ihre Saat nach zwanzig Jahren in einer menschenleeren Wiener Einkaufsstraße zur Unzeit aufging? Zehn weitere Gedenksekunden für den kleinen Viktor in kurzen Hosen und Schlotterknien an der Tafel, den Goethes Berg- und Talsyntax mit ihren unerwarteten Gedankensprüngen und gespreizten Wendungen wie geistiges Hallenmotocross ins Schwitzen brachte. Tack Vor Dem Tah Gegelobet Seißtu! Denn Aller Fleiß Der Männ Lich Schätz Ens Wert Äh Ist Morgen Tlich! Mein Hirn ist voll von diesen pompösen, mit Wiederholungshammer und Aufsagemeißel eingebläuten Sätzen, die in pathetischer Vereinsamung vor sich hinprangen wie die Blattgoldinschrift auf dem Grundstein der abgerissenen Floridsdorfer Brücke am Adalbert-Stifter-Platz.

Morgenstund hat Gold im Mund? Klingt schon besser, stimmt aber auch erst ab dreiviertel sechs. Da unterbricht Valeri Gergejew, seines Zeichens Greißler, Schuster, Magnetiseur und Kartenleger, die von ein paar sporadischen Kuckucksrufen untermalte Morgenstille, um mit lautem Geratter den Rollbalken seines kleinen Wunderladens in der Czartoryskigasse raufkrachen zu lassen. Ab und zu beklagt Herr Gergejew die Unergründlichkeit der Wege des alttestamentarischen Herrn im Angesicht der Tatsache, daß die gesamte Einwohnerschaft der Schrebergartensiedlung Schönbrunner Graben sich lieber einmal im Monat unten in Gersthof beim Merkur-Markt die Kofferräume ihrer Audis und Mercedes mit sündteuren Tiefkühlbaguettes vollstopft, anstatt den frischen Kornspitz und krachenden Salzstangerln vor ihrer Haustür die gebührende Hochachtung entgegenzubringen. Dementsprechend wirft er mir jeden Morgen, wenn er Kornspitz und Salzstangerl samt Halbliter-Milchpackerl ohne Gegenfrage auf die Budel stellt, ein Lächeln entgegen, das sowohl seine allgemeine Solidarität mit einem Frühaufsteher als auch seine spezielle Verbundenheit mit einem unverwüstlichen Stammkunden kundtun soll. Mit seinem Goldgebiß wirkt er dabei inetwa so einladend wie David Kiel in Der Spion, der mich liebte, wenn er sich anschickt, das Seilbahnkabel durchzubeißen, an dem der hilflos zappelnde James Bond hängt. Das Gebiß hat Herr Gergejew sich bei seinem Zahnarzt in Odessa machen lassen, da er sonst keine Möglichkeit sah, seine Ersparnisse aus Rußland rauszubringen. Ob er jetzt allerdings vorhat, seine Zähne in Österreich zu versilbern, hat er mir nicht verraten.

Vor Herrn Gergejews goldiger Morgenstunde schaut´s allerdings düster aus. Um halb fünf zum Beispiel besteht das typische Wiener Frühstück am Würstelstand vorm AEZ aus einer pikanten Mischung aus Pusztaleberkässemmel, Ölpfefferoni und Auer Baumstämmen. Wer weder Almdudler noch Kirsch-Cola verträgt, spült das Ganze aus dem Stand mit einer Flasche Gösser runter. Morgenstund hat Gösser Gold im Mund. Und das alles nur wegen der dämlichen Spiegelfassade. Na ja, und der Radklammer. Und dem Postlerdietrich. Und der defekten Gepäcksspinne. Und dem Crash mit dem Taxler. Und das wär´s dann eigentlich auch schon.

Wenn Stella mich selbst am Wochenende vor Sonnenaufgang aus den Federn jagte und ich protestierend den Kopf unterm Polster vergrub, servierte sie mir regelmäßig die gallisch abgewandelte Version des Spruchs. Le monde appartient à ceux qui se lèvent tôt. Die Welt gehört den Frühaufstehern. Hmmm. So so. Demnach müssen die Inhaber dieses Planeten heute morgen in lässigem Inkognito unterwegs sein. Außer dem Verkäufer am Würstelstand und den üblichen verstreuten Bühnenarbeitern des Alltags ist mir kaum jemand untergekommen. Kolonia-Fahrer, Straßenkehrer, Krone-Verkäufer, alle mit fadem Aug unterwegs zu ihren jeweiligen Sisyphusbergen aus Mistkübeln, Hundstrümmerln und Kronen-Zeitungen. Vielleicht noch die zwei Sandler im Stadtpark, die in ihren Körpersäften eingebeizt friedlich vor sich hin vegetieren. Oder aber der Spruch ist einfach nur Stumpfsinn.

Entre chien et loup nannte Stella die Zeit unmittelbar nach Sonnenuntergang, wenn es noch Tag und noch nicht Nacht ist, wie auf dem Magritte-Bild von dem Haus am See, das im Vorzimmer hing. Eins der wenigen Bilder zuhause, mit dem ich was anfangen konnte. Zwischen Hund und Wolf. Was ist dann aber die Zeit vor Sonnenaufgang? Zwischen Wolf und Hund? Entre loup et chien? Die Zeit, wo die Wölfe sich in die Wälder zurückziehen, und die Hunde...? Unwillkürlich stelle ich mir so ein Rudel vor, gelbfunkelnde Augen in der Morgendämmerung, die sich in den Wald oberhalb von Neustift am Walde zurückziehen, während etwas weiter unten in den Villen die ersten automatischen Garagentore aufklappen und hie und da ein Yorkshireterrier oder ein Rauhhaardackel von seinem verschlafenen Herrl oder Frauerl Gassi geführt wird. Dann schon lieber der Wolf in mir, der zur Geisterstunde sein Prospektverteilerwagerl hinter sich herzieht, durch ganz Wien, um sich verträumt und genüßlich dem milden Morgenwahnsinn hinzugeben. Einstweilen räkeln sich die Dobermänner der Vernunft verschlafen und zufrieden knurrend vor der letzten Kaminglut und büseln ebenso genüßlich weiter.

Gemessen an seiner Leistung ist das Feibra-Prospektwagerl mit Abstand das teuerste Zweirad, das ich je erstanden hab. Obwohl´s genau gesehen eigentlich g´schenkt war. Wenn man bedenkt, wie die Sache letzten Endes gelaufen ist, hätt ich das eine Mal gleich auf Max hören können, als er sich anbot, mir »im Handumdrehen« ein derartiges Wagerl zu besorgen. Ich konnte mir nur allzugut vorstellen, was er konkret damit meinte. Den erstbesten Türken, Araber oder Kunstgeschichtestudenten vor der Feibra-Prospektzentrale abpassen und ihm solange die Hand umdrehen, bis er freiwillig mit dem Wagerl rausrückt. Der eine lernt seine Manieren beim Frenzel, der andere bei der Fremdenlegion.

So sind wir am nächsten Morgen zusammen in den Siebzehnten gegangen, er als Keiler, ich als leise Stimme der Vernunft, und haben uns in einen Hauseingang schräg gegenüber der Feibra gestellt. Die erste Stampede stummer Konsumapostel mit ihren tausenden Werbefrohbotschaften haben wir in aller Ruhe vor uns vorüberziehen lassen, um uns unser Opfer unter ein paar vereinzelten Nachzüglern auszusuchen. Da war auch schon unser Mann: ein hageres Bürscherl um die zwanzig, John-Lennon-Brille und WHY?-T-Shirt mit sterbendem Partisanen, der in hohem Bogen die Flinte ins Korn wirft. Ich stupste Max mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kinn in Richtung gegenüberliegender Gehsteig. Es bereitet mir eine besondere Art von sanftem Wohlbehagen, wenn ein Job wie dieser diskret, dezent und gewaltlos abläuft. Max spreizte seine Mundwinkel mit Daumen und Zeigefinger auseinander und pfiff, daß es mir fast das Trommelfell zerriß.

»SPUATSFREIND! GEH WOAT A BISSL!« Max überquerte die Straße, ich folgte ihm und fürchtete, Übles befürchten zu müssen. Der Angepfiffene bedachte uns mit dem Blick eines faszinierten Feldhasen, den eine Batterie heranrasender Nebelscheinwerfer in ihren lähmenden Bann zieht.

»Sifünschn?«

»Dei Waagl. Wos wüst dafia hom?« Pfeif auf Dezenz und Diskretion, solange die Sache nur gewaltlos verlief.

»Wie meinen Sie das?« fragte er etwas gefaßter, mit hörbar unterdrücktem Zittrich in der Stimme.

»Dei Proschpektwaagl. Mia kauf´n da´s oo. Wiavüü?«

»Hören Sie ich brauch das um meine Arbeit zu machen ich kann das nicht so einfach...«

»Hoit´s z´somm. I frog di ka viats Moi. Oistern. Wüvüü???«

Der Adamsapfel in John Lennons Hals wuchs zu einem Knödel an, den er sich vergeblich runterzuschlucken bemühte.

»Also wenn das ein Überfall ist, dann nehmen Sie das Wagerl ruhig aber tun Sie mir bitte nix an.« Ich starrte auf sein T-Shirt und fragte mich wie dieses: Warum? Warum mußte er sich und uns das Leben so schwermachen? Wo doch alles so einfach sein konnte. Max preßte die Lippen zusammen und atmete scharf durch die Nase aus, dann packte er den jungen Mann an der Gurgel und drückte ihn gegen die Hausmauer.

»Heast Bochana hom´s da ins Hirn g´schissen oda wos? I wea da fraunk glei wos autua waunst ma ned glei varrodst wüvüüst fia dei deppats Waagl hom wüst.«

»Zweihundert Schilling?«

Max ließ nicht locker.

»Hundertfünfzig?«

Er packte fester zu.

»Khhhwghstrfgh Schmlllnng?«

»Max. Du solltest ihn vielleicht ein bißchen... ähm. Sanfter anfassen. Sonst können wir das Geld für das Wagerl den Hinterbliebenen überweisen.«

»Drei... dreihundert?«

Max´ Griff hatte sich spürbar gelockert, aber er schaute ihn immer noch mit steinerner Miene an.

»Vieh... fünfhundert.«

Schön langsam tat er mir leid. Ich zählte fünf Scheine ab.

»Da hast fünftausend. Fürs Wagerl und für die Unannehmlichkeiten.«

»FÜNF BLAUE?!? BIST DEPPERT?!?« Max ließ ihn los und schaute mich entgeistert an. »Waun´s noch mia gonga waarat, a Kopfnuß und geht scho´. I sog da´s, waunst mehr ois fünf Kilo fia den Schas hi´legst, daun reg ii mi auf, aus Prinzip. Ma wuascht, daß´t a hoibe Mille fia dein´ letztn Job kassiert host. Des gibt da no laung ned des Recht, dei Gööd aus´m Fensta ausse zum schmeiß´n.«

»Max, das ist vielleicht nicht der richtige Ort, um meine Schmutzwäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen.«

»Sechshundert, mehr ned.«

»Viereinhalbtausend.«

»Ochthundert.«

»T´schuldigung wenn ich mich da einmisch, es geht mich vielleicht nix an aber...«

»Gusch di hot kana g´frogt.«

»Viertausend. Und das ist mein letztes Wort, Max.« Ich zählte die Scheine mit ostentativ ausladenden Gesten nach, eins, zwei, drei, vier, und hielt sie dem jungen Mann hin, der sich den Hals rieb und Max´ Springerstiefel mit ängstlichen Blicken voll fragender Skepsis musterte. Schließlich faltete ich das Geld zusammen, drückte es ihm in die Hand und faltete seine Finger darüber wie ein großzügiger Onkel, der seinen begabten Neffen für die guten Zeugnisnoten entlohnt.

»So, und jetzt verschwind.«

Wir schauten ihm nach, wie er mit der Hingabe eines Leichtathleten die Straße runtersprintete. Wahrscheinlich würde er sich nächstens einen geruhsameren Nebenjob suchen. Wo das Risiko, daß man ihm während der Arbeit seine Ausrüstung abknöpft, um ein Vielfaches geringer ist. Bohrinseltaucher in der Nordsee. Tretminenentschärfer im Libanon. Sherpa am Nanga Parbat. Irgendwas in der Art. Max hievte das prall mit Prospekten gefüllte Wagerl in den Kofferraum des Celica. Während der ganzen Fahrt sprachen wir kein Wort.

Am nächsten Morgen zerfloß meine mit einem herzhaften Frühstück zurechtgebutterte Zuversicht bei der vergeblichen Suche nach ein paar brauchbaren Gepäckriemen. Meine beiden reißfesten Spanngurte waren nirgendwo zu finden, und außer einer ausgeleierten Gepäckspinne hatte mein Geräteschuppen nichts zu bieten. Der kluge Mann baut vor. Ach halt doch endlich dein blödes Maul, Stella.

Auf öffentliche Verkehrsmittel hatte ich überhaupt keinen Bock. Also mal schauen, wie sich das Kraffelwerk auf der Honda befestigen ließ. Statt aus teurem Aluminium war das Wagerl aus billigen Eisenrohren zusammengeschweißt und dementsprechend massiv. Ich legte es quer über den gewölbten Beifahrersitz, zurrte die Spinne mit aller Gewalt darüber und befestigte die müden Haken, die sich allmählich geradebogen, mehr schlecht als recht an den dicken Stahlfedern der Stoßdämpfer. Ich müßte halt wie auf Eiern fahren, aber nachdem ich sowas nicht alle Tage machte, konnte es mir auch egal sein. Alle möglichen Einwendungen wurden behutsam verdrängt, und ich drehte den Zündschlüssel.

Nach kaum dreihundert Metern Fahrt hörte ich ein pfeifendes Schnalzen hinter meinem Rücken. Reflexartig packte ich nach der Bremse und wurde prompt von dem Wagerl überholt, das sich aus seiner Befestigung gelöst hatte. Es rutschte funkensprühend die Czartoryskigasse runter, drehte sich, stellte sich auf, rollte eiernd und schlingernd weiter, überschlug sich trudelnd und landete schließlich krachend und klirrend in der Seite eines Mercedes-Taxis, das im Rückwärtsgang aus einer Garagenausfahrt rausmanövrierte. Der Fahrer sprang heraus, ein Eternitschlapphut mit einem ungesunden Adrenalin- und Cholesteringemisch im Blut. Den Kofferraum seines Mercedes zierte eine Reihe identischer I-Love-Die-Fortschrittlichen-Pickerln.

»HEAST AUG´SCHISSANA AU´BRUNZTA!?!?! I WEA DA GLEI GEB´M!!!« Womit er jedoch seinen kärglichen Schimpfwortschatz erschöpft zu haben schien. Er pflanzte sich vor mir auf und gab sich alle Mühe, bedrohlicher zu wirken als ein Blimpy-Stehaufkugelschreiber. Für Notfälle wie diesen hab ich Gott sei Dank vorgesorgt. Ich nahm den Helm ab und konzentrierte mich darauf, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Das Wagerl sah auf den ersten Blick arg mitgenommen und im großen und ganzen unbrauchbar aus. Der Mercedes war beim Zurückschieben drübergerollt und hatte ihm das Rückgrat gebrochen. Die hintere Seitentüre des Wagens war arg zerkratzt und eingedepscht, das Fenster darüber zerborsten, doch sonst hielt sich der Schaden in Grenzen. Ringsherum fegte ein nervöser Morgenwind einige tausend Zgonc-Rasenmäherprospekte durch die Gegend.

Um nicht als Ankündigungspolitiker dazustehen, machte der Taxler Anstalten, seine Kollegen per Rundruf herbeizutrommeln. Ich funkte ihm dazwischen und wachelte mit einem Bündel Tausender unter seiner Nase herum. Er steckte sein Mikrofon in die Halterung zurück und schaute mich verständnislos an, wozu es keiner nennenswerten schauspielerischen Anstrengung bedurfte.

»Wos is des?«

(a) A Packl Monopoly-Tausender. Kauf da a Heisl in da Kärntna Strossn und geh scheissen.

(b) I hob die letzten drei Joah bei deina Oidn auschreiw´m lossn.

(c) Mei Lottosechser. Vakaufst ma dein Schrottkiwe und blost ma´n dazua?

Ach, schluck die Krot runter und mach einfach deinen Job...

»Hören Sie, es tut mir leid. Ich schätze, das dürfte ausreichen, um Ihre Seitentüre reparieren zu lassen. Den Rest betrachten Sie halt einfach als Verdienstentgang.«

Er atmete laut durch die Nase und ließ seinen Blick zwischen dem Bündel Bargeld und meinem Tschuschenteint hin- und herwandern. Die zwei Neuronen in seinem Hirn leisteten Schwerarbeit, um tausend und eins zusammenzuzählen.

»I mecht ned wissen vo wo des heakummt.«

(a) Nigeria-Konnektschn. I hob grod in der Camera a frische Drogenlieferung aus Albanien au´brocht und hob ma denkt, Oida, jetz´ haust auf´n Putz.

(b) Seit i dei Oide auf´n Strich schick, hob i ausg´suagt. Fuffzehn Blaue pro Woch´n. Dabei nimmt´s fia jeden Tiak´n, den´s an blost, und fia jeden Jugo, der´s in Oasch pudert, nua an Zwanzga. Und des in ana Togschicht, olle Ochtung.

(c) Foischgöd. Zwa Kilo da Blaue. Schaut vadaumt echt aus, ha?

Ich hüstelte höflich.

»Na gut, wenn´s Ihnen so lieber ist, dann können wir auch gern zwei Unfallberichte ausfüllen. Glauben Sie auch nicht, daß ich Ihnen irgendwelche Schwierigkeiten machen möchte. Es ist nur... meine Versicherung ist nicht gerade schnell beim Zahlen. Es kann auch sein, daß die Ihre Sicht der Dinge anfechten werden. Sie wissen ja, wie Versicherungen sind, die wollen einmal aus Prinzip nicht zahlen. Und deswegen habe ich mir erlaubt, Ihnen diesen Vorschlag... sagen wir mal... auf dem Weg der Kulanz zu unterbreiten. Womit jedem gedient ist. Sie reparieren Ihre Tür. Und ich hab keinen Malus.« Daß die Maschine weder angemeldet noch versichert ist, brauchte ich ihm ja nicht unbedingt unter die Nase zu reiben. Er nahm das Geld, zählte nach, kratzte sich den Kopf, zählte nochmal nach und unterdrückte ein breites Grinsen. Das war der richtige Moment, um Eile vorzuschützen und schleunigst abzuhauen, bevor er sich´s anders überlegte. Ich fuhr zurück nach Hause, rief Max an und bat ihn ohne unnötige Erklärungen, mir ein anderes Wagerl zu besorgen.

»Wurscht wie?«

Wurscht wie.

Sechsundneunzig Stunden später, zurück in die Gegenwart. Vorsichtig schlurfe ich über das Tangrammosaik aus geteertem Linoleum und Kies auf dem Dach des Wohnhauses gegenüber von Brainwave. Die durchsichtige Glasfassade auf der anderen Straßenseite bietet einen Blick auf eine Reihe identischer leerer Büroräume. Einige stehen offen und werden von hinten durch das Schimmern der nächtlichen Notbeleuchtung in den Gängen spärlich erleuchtet. Der Halbmond - Tendenz abnehmend - spielt seine Beleuchterrolle mit ehrenamtlicher Unzulänglichkeit, dafür um einiges diskreter als meine MagLite-Taschenlampe. Teerlinoleumquadrate erscheinen schwarzgrau, Kiesalleen schimmern in einem eine Nuance helleren Grauschwarz. Lichtschächte dazwischen gähnen dagegen nur schwarz.

Zeitlupenschritt für Zeitlupenschritt taste ich mich voran, ein Schattenboxer ohne Schatten, bis ich meinen Standort ausfindig gemacht habe. Ein Nadelwäldchen aus Fernsehantennen am Dachrand erscheint mir als der geeignete Tarnhintergrund für das Stativ des Interferenzlasers. Das rundgebogene Blechsims des angrenzenden Nachbardachs gleich dahinter bietet sich als Sitzgelegenheit an. Noch immer keine Spur von Morgendämmerung weit und breit, gut so. Ich setze mich hin und ziehe die zweite, eingepackte Leberkässemmel aus der Tasche.

Ein Rundblick über die nächtlichen Lichter der Stadt. Die blinkenden Dachwarnleuchten des Century Tower. Die fern verschlafenen Fassadenlichter der Kirche am Leopoldsberg. Daneben das rot blinzelnde Auge des Senders Kahlenberg. Der stumme Riese Herrmannskogel, das Krönchen einer Aussichtswarte auf dem noch schlafenden Haupt. Die Blinkwarnleuchten des Senders Exelberg und links des Arsenals, bedrohliche Vorposten einer außerirdischen Zivilisation, die eine stille Machtübernahme plant.

Ein herzhafter Biß in die noch warme Semmel, und die Szenerie rückt in ihre Proportionen zurück, wird einfach Wien bei Nacht. Zugleich verwandelt sich das Fiasko der letzten Tage vor meinem inneren Leinwandauge in ein unvermitteltes James-Bond-Remake, in dem ich selbst zugleich als Drehbuchautor, Regisseur, Protagonist, Publikum und Kritiker fungiere.

James Bond imponiert Kindern aus demselben Grund, aus dem er jeden halbwegs verständigen Erwachsenen langweilt: er lernt nichts dazu, er kann schon alles. Kinder lernen gehen, indem sie auf die Nase fallen, und sie bewundern James Bond, weil er eben nicht wie sie auf die Nase fällt. Bei genauerem Hinsehen wird der Lernprozeß hier aber nicht aufgehoben, sondern nur verschoben. James Bond fällt nämlich sehr wohl auf die Nase. Nicht nur in Ian Flemings Notizheften, in unzähligen verzweifelt rausgestrichenen Absätzen. Auch in einigen prall mit vermasselten Szenen gefüllten Filmrollen, die Albert R. Broccoli wohlweislich in seinem persönlichen Safe in Hollywood hütet, fernab von den Blicken allzu neugieriger und leicht zu verstörender Bond-Fans, die sich den Glauben an die Unfehlbarkeit des Agenten Ihrer Majestät tunlichst erhalten sollen.

Nun tauscht aber die Zauberfee der wahnwitzigen Einbildungskraft ihr Elfengewand gegen ein Batgirl-Kostüm mit Panzerknackermaske. Macht sich mit ihrem Laserschweißbrenner an dem Safe zu schaffen, bis er nachgibt. Zieht eine beliebige Filmrolle raus. James Bond Deleted Scenes XXIII steht da in säurefestem Filzstift auf dem Blech. Schleicht damit in den Vorführraum, legt die Rolle ein und macht es sich gemütlich. Die Leinwand kurz taghell, dann der wacklige Schwarzweiß-Countdown grobkörniger Zahlen.

Take 327b! Action!

James-Victor Bondovic parkte die 1000er-Honda mit eingebautem Raketenwerfer neben einem Flaschencontainer, klappte den Seitenständer raus und nahm den Helm ab. Er stellte den Motor ab und schloß die Augen. Fünf Sekunden reichten aus, um sich zu sammeln und die fünf Vodka Martinis vom Vorabend zu vergessen.

Die Tarnung als Prospektverteiler war M´s Idee gewesen. Bondovic hatte den Anflug eines spöttischen Lächelns registriert, als er ihm die sperrige Apparatur samt der dazupassenden Kluft aushändigte. Moneypenny war danebengestanden und hatte die Dinge ins Lot gebracht, als sie ihm auf charmante Weise versichert hatte, daß keine noch so klobige Aufmachung seinem unsterblichen Sex-Appeal etwas anhaben konnte. Zur Bestätigung hatte Bondovic die Lippen zusammengekniffen, das dämliche Tarnschirmkapperl, das Teil der Ausrüstung war, durch den Raum geworfen, wo es nach einigen Metern Segelflug auf M´s Kleiderständer gelandet war, und Moneypenny zugezwinkert, um in ihr die Hoffnung nicht vergehen zu lassen, daß er sie eines Tages doch noch in den siebten Himmel jagen würde, diesmal aber noch nicht.

Bondovic löste die Umklammerung der Gepäckriemen um den Beifahrersitz, packte das Tarnwägelchen mit beiden Armen und stemmte es auf den Gehsteig. Von seinem Ziel trennten ihn etwa dreihundert Meter. Zwei Stunden bis Bürobeginn ließen ihm ausreichend Zeit, seinen Job zu erledigen.

Der Ruf eines Kuckuks untermalte die morgentliche Stille in der menschenleeren Gasse. Ruhigen Schrittes steuerte Bondovic auf sein Ziel zu, den Firmensitz der Brainwave Incorporated. Genauer besehen galt sein Interesse dem Eingang des Wohnhauses auf der anderen Straßenseite.

Die auf seinem Wägelchen festgezurrte Sporttasche enthielt einen Interferenzlaser. M hatte Bondovic ausführlich gezeigt, wie man das Ding zusammenbaute und wieder zerlegte. Die Handhabung war denkbar einfach. Um ein Gespräch in einem nahegelegenen Haus abzuhören, genügte es, den Laser auf das entsprechende Fenster zu richten. Der Schalldruck jedes noch so leise gesprochenen Wortes pflanzte sich in die Scheiben fort, wo der Laser die geringste Vibration registrierte.

Bondovic hatte nichts weiter zu tun, als den Laser am Dach des gegenüberliegenden Wohnhauses zu installieren, ihn auf das Fenster von Doktor Pfauensang zu richten und sich aus dem Staub zu machen. Ein Routinejob, den er im Handumdrehen erledigt hätte. Den Nachmittag würde er voraussichtlich mit der Blondine verbringen, die ihm am Vorabend im Café Bendl mit eindeutig zweideutigem Blick den Bierdeckel mit ihrer Handynummer zugeschoben hatte, nachdem sie in der Juke Box Nancy Sinatras und Lee Hazlewoods These Boots Are Made For Walkin´ ausgewählt hatte. Bondovic war sich nicht sicher, ob sie mehr der Krapfenwaldl-Typ oder der Kongressbad-Typ war. Er würde es früh genug rausbekommen.

Das Haustor von Nummer achtundvierzig lag schräg gegenüber von Brainwaves Haupteingang. Bondovic studierte die Namen auf der Wechselsprechanlage. Drei davon trugen arabische Annotationen, die kaum leserlich mit blauem Kugelschreiber auf das polierte Aluminiumschaltbrett gemalt waren. Bondovic hatte Kurse in intuitiver Linguistik absolviert und wußte, was sie bedeuteten: wer hier anläutet, dem wird geöffnet. Er spreizte die Finger, betätigte alle drei Knöpfe auf einmal und wartete gespannt.

»Jo wos is?« krächzte eine Stimme aus dem Lautsprecher. Bondovic wartete zwei Sekunden und sagte dann in lupenreinem Pidgin-Wienerisch mit kroatischem Einschlag:

»Guten Tag Firma Feibra du aufmokta!«

Bondovic wußte, daß er das kurze Surren des Türöffners auf keinen Fall verpassen durfte. Er ließ die schwere Türklinke nicht aus den Augen, als er zur Identifikation zwei Schritte zurücktrat. In einem der oberen Stockwerke hörte er das Quietschen eines Fensterflügels, den eine unsichtbare Hand öffnete.

Den Bruchteil einer Sekunde nahm er an der Peripherie seines Gesichtsfeldes den Schatten wahr, der sich von oben mit großer Geschwindigkeit näherte, doch zu spät. Die Wucht des Einschlags traf Bondovic völlig unvermittelt und schlug ihn K.O.

Die Bewußtlosigkeit konnte Sekunden oder auch Minuten gedauert haben. Das erste, was Bondovic registrierte, als er wieder zu sich kam, war der Gestank. Eine unerfreuliche Mischung aus Kaffeesud, chlorhaltigem Putzmittel, faulem Obst und verdorbenem Fleisch. War es die überreife Zuckermelone, die ihn mit einem dumpfen Schlag zu Boden gebracht hatte? Oder das Geschwader schimmliger Zwiebel und Erdäpfel, deren Augen aus dem zerplatzten Mistsack hervorlugten?

Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins.

Take 327c! Action!

Das Haustor von Nummer achtundvierzig lag schräg gegenüber von Brainwaves Haupteingang. Bondovic studierte die Namen auf der Wechselsprechanlage. Drei davon trugen arabische Annotationen, die kaum leserlich mit blauem Kugelschreiber auf das polierte Aluminiumschaltbrett gemalt waren. Bondovic hatte Kurse in intuitiver Linguistik absolviert und wußte, was sie bedeuteten: wer hier anläutet, dem widerfährt Übles.

Einer der Knöpfe mußte mit einer Müllsackschleudermine gekoppelt sein. Die Apparatur zerlegen und kurzschließen wäre aber zu riskant. Ein falscher Kontakt, und er würde den ganzen Sektor in Alarmbereitschaft versetzen. Die einzige Lösung war der Postlerdietrich.

Der Dietrich war ein Geschenk von Felix, der ihn einem als syrischen Agenten getarnten Postler abgenommen hatte. Wahrscheinlich hatte er ihm nachher ein Paar Betonschlapfen verpaßt und ihn auf Tauchfahrt in den Greifensteiner Stausee geschickt.

Bondovic klopfte die Taschen seines Arbeitsoveralls ab. Der Dietrich war nirgends zu finden. Er stieß einen stummen Fluch aus, da er es gewohnt war, in solchen Situationen immer das passende Werkzeug zur Hand zu haben. Jetzt fiel ihm ein, wo er das wertvolle Stück verstaut hatte: in der öligen Tennissocke unter dem Sattel der Honda, zwischen Zwölferschlüssel und Flachzange.

Auf dem Weg zurück begegneten ihm zwei uniformierte Wachposten, ein Mann und eine Frau. Sie gehörten der »Magistratsabteilung der Stadt Wien« an und waren beide unbewaffnet. Bondovic vermied es, ihnen beim Vorbeigehen in die Augen zu sehen. Er hatte schon mitansehen müssen, wie sie mit ihren bloßen Kugelschreibern gestandene Männer zum Schreien brachten.

Bondovic erreichte die Ecke des Häuserblocks und mußte selbst einen Aufschrei unterdrücken. Das Vorderrad der Honda war gefangen in der knallgelben Klaue einer gußeisernen Radklammer. Unter dem Sattelriemen zwischen Fahrersitz und Beifahrersitz klemmte eine Nachricht. Bondovic entfaltete sie mit zitternden Händen. »VERSCHPEHRT ZUGANG ZUM KONTEHNER« stand da in der berüchtigten krakeligen Blockschrift, die die Beamten der Magistratsabteilung eigens verwendeten, um ihre eigene Handschrift zu maskieren. Die vorgedruckte Aufforderung, sich mit einer Reihe persönlicher Dokumente in das nächstgelegene Wachzimmer zu begeben, war mit dem Stempel der Eingreiftruppe versehen.

Bondovic unterdrückte den Impuls, den beiden nachzulaufen und ihnen mit seiner Walther PPK das Hirn rauszublasen. Stattdessen drehte er den Schlüssel im Sattelschloß, hob den Sattel an und fischte seine Werkzeugsocke aus dem Fach zwischen Batterie und Reifenflickspray. Er würde die Honda zurücklassen müssen und den Rest des Jobs zu Fuß erledigen. Er konnte sich M´s stinksaure Standpredigt schon jetzt ausmalen.

Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins.

Take 327d! Action!

Das Haustor von Nummer achtundvierzig lag schräg gegenüber von Brainwaves Haupteingang. Bondovic ignorierte die Namen auf der Wechselsprechanlage und zog einen Postlerdietrich aus der Tasche seines Overalls. Der Dietrich war ein Geschenk von Felix, der ihn einem als syrischen Agenten getarnten Postler abgenommen hatte. Wahrscheinlich hatte er ihm nachher ein Paar Betonschlapfen verpaßt und ihn auf Tauchfahrt in den Greifensteiner Stausee geschickt.

Bondovic steckte den Schlüssel ins Schloß, drehte ihn und stemmte sich mit der Schulter gegen das summende Schloß des Haustors. Er wartete einige Sekunden, bis seine Augen sich an die Dunkelheit des Stiegenhauses vor der Morgendämmerung gewöhnt hatten. Er beschloß, das Wagerl im Erdgeschoß stehenzulassen. Er schnappte sich die Sporttasche und eine Handvoll Prospekte, verzichtete auf den Aufzuf und ging zu Fuß in den sechsten Stock.

Das klobige Schloß der Dachbodentür widerstand ihm keine dreißig Sekunden. Am Dachboden bahnte er sich durch modriges Gerümpel einen Weg bis zur Dachluke, wo er sich schließlich aufs Dach hievte. Er schaute sich kurz um. Auf der anderen Straßenseite bot die durchsichtige Glasfassade von Brainwave einen Blick auf eine lange Reihe identischer leerer Büroräume. Einige standen offen und waren von hinten durch das Schimmern der nächtlichen Notbeleuchtung in den Gängen spärlich erleuchtet.

Bondovic suchte einen geeigneten Platz und fand ihn inmitten einer Gruppe von Fernsehantennen. Er stellte die Sporttasche ab, öffnete den Zippverschluß und breitete die Teile des Interferenzlasers fein säuberlich vor sich aus. Er entfaltete das Stativ, drehte alle Flügelschrauben zu und stellte es auf. Dann schraubte er die fünf großen Teile des Interferenzlasers zusammen und fixierte sie auf dem Stativ. Vogelsangs Büro lag im sechsten Stock. Entscheidendes Merkmal war ein Pirelli-Kalender neben der Tür, der leicht auszumachen wäre.

Bondovic kniff ein Auge zu, schaute ins Visier und erschrak. Auf dem gegenüberliegenden Dach stand eine Gestalt in gebückter Haltung und beobachtete ihn. Bondovic wich zurück, schaute auf und verstand, daß es sich um sein eigenes Spiegelbild handelte. Es dämmerte ihm im wahrsten Sinn des Wortes, daß er den Job für heute vergessen konnte. Mit dem anbrechenden Tageslicht hatte die Glasfassade von Brainwave einen Spiegeleffekt entwickelt.

Zurück in die Gegenwart, zurück in die Wirklichkeit. Die Zauberfee des milden Wahnsinns schaltet den Projektor aus, verläßt den Vorführraum und legt sich schlafen. Ich schraube einstweilen das Nachtsichtvisier auf den Interferenzlaser. Noch eine halbe Stunde bis Sonnenaufgang. Dann wird die Glasfassade gegenüber so undurchsichtig wie die Eingangstür vom U4, in das mich Max mal verschleppen wollte. Und wo uns ein als Türsteher getarnter KGB-Agent den Zutritt verweigerte. Doswedanje, nur für Klubmitglieder.

Ich rücke das Stativ zurecht, kniee mich hin und schaue durchs Visier. Der Restlichtverstärker taucht die unwirkliche Stille unbemannter Büroräume in ein noch unwirklicheres Wassergrün.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Frau Hasickas Auswendiglerntexte waren für uns Taferlklaßler gottgegeben. Jeden Montagmorgen lag ein neuer Stoß Matrizblaupausen auf dem Rand ihres erhöhten Katheders. Das Photokopiergerät wartete noch darauf, erfunden zu werden. Die frischen blaßblauen Abzüge ihrer makellos geschwungenen Handschrift rochen nach Alkohol, und als wir Jahre später in der Französischklasse die französischen Symbolisten durchnahmen, verband sich das Wort absinthe mit dem Geruch von Frau Hasickas Abschriften deutscher Lyrik. Die Namen der Autoren - Rilke, Morgenstern, Benn, Hölderlin - wirkten auf mich nicht weiter befremdend als die Namen der Fische in der verdunkelten Tiefseeabteilung im Haus des Meeres. Sinn und Inhalt dieser bizarren Textkreaturen zu hinterfragen war mir nicht in den Sinn gekommen. Ich lernte sie einfach munter auswendig, und nach und nach bevölkerten sie die dunklen Tiefen meines Bewußtseins.

Einen nach dem anderen durchstreife ich die Büroräume im vierten Stock, auf der Suche nach dem Pirelli-Kalender neben der Eingangstür. Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut kommt jedem das Ding, das er will. Aha, da isser ja!

Ich nehme den Kalender ins Fadenkreuz und zoome ihn heran, bis ein grünstichiges Rechteck mit einer unverbindlich kontrastlosen Frauenform das Visier ausfüllt. So wie die Dinge stehen, habe ich den Job für heute erledigt. In etwas mehr als zwei Stunden wird Leben in die Bude kommen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Wernher von Pfauensang in der Klischeerolle des geschäftigen Managers. Roswitha Globototschnigg jovial herrschend einen guten Morgen wünschend. Mit ihr die Termine des Tages durchgehend. Ihr zwei drei Briefe diktierend. Am Telefon Details erfragend. Jedes seiner Worte wird die Fensterscheiben unmerklich zum Vibrieren bringen. Und genau diese unmerklichen Vibrationen wird der Laser am Dach gegenüber auffangen und in virtuelle Schallwellen zurückverwandeln. Währenddessen läuft am anderen Ende von Wien eine Ampex-Spule mit neunzehn Zoll pro Sekunde durch den Aufnahmekopf und nimmt alles auf.

Plötzlich verschwindet der Kalender aus meinem Blickfeld, und ich schrecke zurück. Mein effizienter Tagtraum genauso. Ich verringere den Zoom und sehe zwei Gestalten in Pfauensangs Büro. Zwei Putzfrauen in hitziger Diskussion. Es ist schwer zu erkennen, ob sie sich Witze erzählen oder sich gegenseitig beschimpfen. Na, mal schauen, was die da von sich geben.

Ich packe den Kopfhörer aus dem Rucksack, wickle das Kabel ab und stecke es in die Klinkenbuchse des Lasers. In Erwartung eines Wortschwalls setze ich den Hörer auf und drehe vorsichtig am Lautstärkeregler.

Nichts.

Ich reiße den Regler auf.

Stille. Dann Rauschen.

Ich werfe wieder einen Blick durchs Visier.

Stumm bewegte Münder in erregter Debatte. Wortlos fuchtelnd und gestikulierend.

Enttäuschung macht sich in mir breit. Ich kann sie fast schmecken, wie einen Beigeschmack von kaltem Pusztaleberkäse und lauwarmem Dosengösser. Generationen von Astronomen auf der Suche nach Leben in fremden Galaxien durchlauschen das endlos gottlose Universum auf der Suche nach Gottähnlichem, mit Radioteleskopen so groß wie Meteoritenkratern, und was kommt dabei raus? Stille, nichts als Stille.

Wir sind allein, sage ich mir und schaue in den Morgenhimmel, wo noch einige müde Sterne flackern. Ich schließe die Augen, und Yannick Arrobas´ Zehn-Hoch-Diaporama dreht einige Runden in meinen Hirnwindungen, vom fernen blauen Planeten zum Hier und Jetzt in all seiner molekularen Begriffslosigkeit. Mein Frühstück macht Anstalten hochzukommen, ich kämpfe gegen einen drohenden Anfall metaphysischen Schwindels.

Doch diesmal zoomt mein innerer Diaprojektor mich woandershin. Auf die Bestandteile einer Fensterscheibe. Fensterglas. Bleierne Übelkeit. Bleiglas. Wir sind allein. Isoliert. Bleiglasisolierung.

Ich schlage die Augen auf und schaue auf die dunklen Umrisse des Brainwave-Gebäudes vor Sonnenaufgang. Und plötzlich dämmert es mir. Na klar.

Bleiglas.

Kapitel 9 bis 34 muß ich noch schreiben...