Der ganz normale Wana

Anthologie auf der Suche nach einem Verlag

Jenseits von gut, und böse


Es liegt in der Natur der Sache, daß ein großes Talent ab einem gewissen Punkt seines Schaffens am Unverständnis des Publikums scheitert, das ihm nur bis zu einem gewissen Punkt folgen kann. Flaubert gab 1849 die erschütternde Frühversion der Versuchung des Heiligen Antonius seinen Freunden Maxime Du Camp und Louis Bouilhet zu lesen, die ihm nach erfolgter Lektüre nahelegten, das Manuskript kurzerhand in den Kamin zu schmeißen. Mozart mußte sich nach der Verwendung des erweiterten Nonenakkords den Vorwurf gefallen lassen, er habe "Kanonenkugeln in den Ohren". Auf ebenso unverständliche Weise pochen die Leser des Neubauer Bezirksjournals darauf, daß eine Bezirkszeitung sich nicht über die Froschperspektive des Bezirksgeschehens hinausheben solle.

Manchmal - viel zu selten - passiert es aber doch. Unbeirrt durch die Borniertheit der idealen Leserschaft springt Walter Wana frohgemut über den eigenen Bezirksschatten und äußert sich zu geschichtlichen und weltpolitischen Themen. Wir unbedarften Leser beginnen gerade mal, den Ansatz großartiger Perspektiven und Einblicke in die großen Themen der Menschheit zu erahnen, und fühlen uns zurecht erschüttert.

Lange bevor Globalisierung zum Modewort werden sollte, hat Walter Wana als wahre Neubauer Kassandra vor deren Gefahren gewarnt. Ebenso scheute er es nicht, revolutionären Querdenkern wie Erwin Ringel das Kielwasser zu bereiten und Verdrängung als wahre Wurzel des Faschismus zu entlarven. Und wer weiß, vielleicht würden wir heute in einer weitaus friedlicheren Welt leben, wenn wir Walter Wanas Rat befolgt hätten, den weltweit grassierenden Terror mittels gezielter Kaffeekränzchen zu bekämpfen.




Bei Zeitungen wie dem Bezirksjournal ist es schwierig, auf aktuelle Ereignisse außerhalb des Bezirkes einzugehen. Ein Paradebeispiel der jüngsten Zeit ist jene niederträchtige Art Politik zu machen, wie sie in der BRD von Terroristen gehandhabt wird.

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Manchmal wäre es vielleicht gut, sich für die Tätigkeit seines Nachbarn zu interessieren. Es sollten dabei keine Denunzierungen herauskommen, aber möglicherweise könnten Entstehungen von Geheimbünden oder ähnlichem schon eher entdeckt werden.

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Hoffentlich sind Sie, geehrte Leser, nicht böse, daß ich diesmal nicht über Bezirksprobleme geschrieben habe. Ich bin der Meinung, daß man manchmal auch andere Fragen behandeln soll.

Das nächste Mal wieder etwas über unseren Bezirk Neubau.

-- Aktuelles aus unserem Bezirk, September 1977


Es hat noch jede Nation verschiedenes durchmachen müssen, bis die ganze Bevölkerung in Ruhe und Frieden leben konnte. Auf unserer Welt wird es noch längere Zeit erfordern, bis alle dahinterkommen, daß ein Überdenken unserer Stellung zur sogenannten dritten Welt äußerst rasch notwendig wäre. Leider hört man nicht gerne von Hunger, wenn man selbst satt ist. Aber bei Bedrohung unserer Annehmlichkeiten werden wir munter. Nur sollte nicht übersehen werden, daß jeder von uns einen Erfolg seiner Arbeit gerne in klingender Münze umgesetzt sieht. Dies sollte aber auch für die oft Bloßfüßige genannten Menschen gelten. Denn sie arbeiten und produzieren für die reichen Länder meist um einen Hungerlohn.

-- Aktuelles aus unserem Bezirk, Jänner 1980


Es stellt sich manchmal heraus, daß jüngere Leute an die Verbrechen während der Zeit von 1938 bis 1945 durch Hitler und seine Gefolgsleute einfach nicht glauben wollen. Im Laufe des Lebens eines Menschen zeigt sich oft die Eigenschaft, die besonders schlechten Zeiten so bald wie möglich zu vergessen und sich nur an schöne Ereignisse erinnern zu wollen. [...]

Die Österreicher haben in den Jahren seit 1955 voll bewiesen, daß sie keinen Vormund benötigen. Trotz verschiedener Ansichten über innenpolitische Dinge sind sich alle einig, daß es der österreichischen Bevölkerung noch nie so gut ging wie eben jetzt. Dies kann unter anderem an der hohen Verkaufszahl von Pkw und diversen Elektrogeräten abgelesen werden. Daher die Bitte: Erinnern Sie die jüngeren Mitbewohner immer wieder an die damalige Zeit und warnen Sie sie vor solchen Zeiten!

-- Aktuelles aus unserem Bezirk, Juni 1980


Wien ist aus vielen Dörfern entstanden. Heute noch sind diese damaligen Dorfnamen in den einzelnen Wiener Bezirken zu finden. Nur auf Grund der veränderten Bausubstanz bzw. der baulichen Entwicklung sind diese damaligen Dörfer in ihrem Umfang fast nicht mehr zu erkennen. Dies ist bestimmt nichts Schlimmes, denn die seinerzeitigen Lebensbedingungen waren nicht immer die besten.

-- Aktuelles aus unserem Bezirk, April 1982


Mit dem Anschluß an das von Hitler beherrschte Deutschland begann eine der schwersten und traurigsten Zeiten für unsere Heimat. Es soll daher an die damaligen Ereignisse doch erinnert werden, um auch weiterhin wachsam zu sein, damit jene Elemente, die es auf eine Zerstörung der Demokratie, egal unter welchem Mantel versteckt, absehen, beizeiten abgewehrt werden können.

Nie sollen die Opfer aller politischen Richtungen oder Religionen, welche der Kampf um die Freiheit gefordert hat, vergessen werden. Daher erschien es mir notwendig, auf einen der dunkelsten Punkte in der Geschichte der österreichischen Demokratie auch in dieser Druckschrift hinzuweisen und zu erinnern.

Trotz verschiedentlicher Miesmacherei fand am 25. Februar die Inbetriebnahme des ersten Teilstückes der U1 statt. Dies war zwar kein Ereignis, das unseren Bezirk direkt betraf, doch kann sich nun jeder davon überzeugen, wie so eine U-Bahn aussieht, wie ihr Betrieb abläuft und welche Auswirkungen auf die bisher dort verkehrenden öffentlichen Verkehrsmittel es gibt.

-- Aktuelles aus unserem Bezirk, März 1978