I never heard so musical a dischord, such sweet thunder...
A Midsummer Night´s Dream -- Shakespeare
Wenn Blicke töten könnten, dann bräuchte der Wachebeamte vor der Botschaft nicht mal sein Schnellfeuergewehr, um mich in ein Sieb zu verwandeln. Macht mich auch so langsam kaputt. Wo hat man ihm bloß diesen Blick beigebracht? Gibt es irgendwo ein Trainingslager mit einer speziellen Ausbildungseinheit Bös Anschauen 10:00h-11:00h? Wie lange muß einem ein Ausbildner Scheiße ans Hirn werfen und bei Bedarf auch noch fressen lassen, damit am Ende so ein fadenkreuzscheiniger Schnellfeuerblick rauskommt? Eigentlich wär´s mir ja fast lieber, er würde sein Gewehr schultern, auf Automatik schalten und dann eine ordentliche Salve abfeuern, ra-ta-ta-ta-ta-ta-ta-ta-ta-ta, oder nein, diese hypermodernen Waffen geben ja weitaus mehr her als die Bleispritzen von The Wild Bunch, das wäre dann eher sowas wie prrrrrraattttt, oder vielleicht überhaupt nur pfrrz, und schon wäre der Jaguar gespickt mit fünfhundert Kugeln. Egal wäre es mir in jedem Fall. Er ist ja gepanzert.
Wird Zeit, daß ich mich jetzt gegen seine Blicke absichere, die ja leider nicht wie gedachte Kugeln am Bleiglas der Windschutzscheibe abprallen und höchstens einmal ein Spinnennetzmuster zwischen den Einschlägen hinterlassen. Mal sehen, was das Handschuhfach auf Lager hat.
Mit vorfreudiger Sorgfalt durchstöbere ich mein Arsenal an mitgebrachten Cassetten und lege einige davon auf den Beifahrersitz. Was haben wir denn da? Aus dem Häufchen Cassetten, die nur mit den Namen der jeweiligen Interpreten beschriftet sind, treffe ich eine vorläufige Endausscheidung:
(a) Ace Of Spades von Motörhead, um dem uniformierten Heini vor mir Bombe mit Bombe zu vergelten. Den Ausdruck habe ich mal in einer Schwarzweiß-Dokumentarsendung gehört, aber ich habe keine Ahnung, von wem er stammt.
(b) I Never Loved A Man The Way I Love You von Aretha Franklin, weil Aggressionsschübe bei mir nie länger als fünf Sekunden anhalten und unmittelbar darauf in ein universelles Zärtlichkeitsbedürfnis umschlagen.
Nach einigem Zögern entscheide ich mich für die Kompromißlösung:
(c) Voodoo Child (Slight Return) von Jimi Hendrix, eine sympathische Form von Größenwahn.
Der Jaguar ist nicht nur gepanzert und mit einem Achtzylinder-Turbo ausgestattet. Die Übermotorisierung hat auch vor der Stereoanlage nicht Halt gemacht, und Understatement ist auch hier angesagt. Die sechzehn BOSE-Hochdruckboxen sind zwar diskret bis unsichtbar in die Innenverkleidung eingearbeitet, zusammen dürften sie aber mindestens soviel Schalldruck wie ein mittlerer Rave-Tempel erzeugen. Vor zehn Jahren hätte ich vielleicht noch »wie ein startender Düsenjet« gesagt, aber die Zeiten haben sich geändert. [Play]. Der Recorder schluckt die Cassette mit einem leisen Summen, bis sie mit einem satten Schlunk! einrastet und - seltsamer Luxus - eine halbe Sekunde bis zum Bandanfang vorspult.
Dem Stakkato-Auftakt neige ich mein Ohr mit der gebildeten Distanz des Kammermusikliebhabers. Das Wah-Wah-Thema gleich nach dem Intro nehme ich auch nur als verlängertes Ruhe-Adagio vor dem Sturm wahr. Beim vierundzwanzigsten Takt des Intro-Teils schiele ich verwundert durch die Lackwölkchen des Nußholzarmaturenbretts und genieße den schreienden Kontrast zwischen Soundtrack und Film. Bei Takt fünfundzwanzig hebt ein rotzig dröhnender E7#9-Akkord die Welt aus den Angeln.
I´m standing next to a mountain
And I chop it down with the edge of my hand
I´M STANDING NEXT TO A MOUNTAIN
CHOP IT DOWN WITH THE EDGE OF MY HAND
I pick up the pieces and make an island
My name will raise up in the sand
´CAUSE I´M A VOODOO CHILD
LORD KNOWS I´M A VOODOO CHILD
Das Botschaftsviertel mit seinen ewig frisch gestrichenen Gußeisenbalkonen ist endgültig zur unbedeutenden Filmkulisse verkommen. Bronzeschilder, Marmorsäulen, grimmige Wachebeamte und rote Teppiche verschwinden aus meinem Gesichts- und Gedankenfeld wie die Enterprise im Vorspann von Star Trek. Am Ende der Allee türmen sich Gewitterwolken, von der Abendsonne rot angeglüht. Durch die Tönung der Windschutzscheibe gewinne ich den Eindruck, daß es im Wageninneren später ist als draußen. Ich klappe den Fahrersitz zurück und singe mit - die elektrisierte Luft fließt durch mein Rückenmark und betäubt meine Hemmungen. Mit dem Mitsingen der Vocals tue ich mir leicht, nachdem ich ungefähr dieselbe Stimmlage wie Hendrix habe. Die Gitarrenfills dopple ich dafür mit schriller Kopfstimme, einige sogar eine Terz drüber. Würde ich jetzt nur meine Stimme allein hören - mit all den grotesken Registerwechseln - wäre es mir sicher ziemlich peinlich. Aber jetzt, als fünftes Rad am Wagen, durchströmt mich dieselbe Ausgelassenheit wie zu Hause unter der Dusche, wenn ich das Solo von Midnight mitgröle und die passenden extatischen Grimassen dazu schneide. Mittlerweile reicht es dem Wachebeamten, den ich nur mehr als Statisten eines bizarren Videoclips wahrnehme. Ob er sich für meine Ungeniertheit schämt? Jedenfalls hat er seinen bohrenden Blick abgewendet und betrachtet nachdenklich den Lauf seines Sturmgewehrs.
I didn´t mean to take up all your sweet time...
[unisono gesungenes Fill]
I´ll give it right back to you one of these days...
[heiser arpeggierter E7#9-Akkord]
I didn´t mean to take up all your sweet time...
[gejodeltes Fill eine Terz drüber]
Give it right back to you one of these days...
[Hustenanfall]
I won´t see you no more in this world...
[chromatisch absteigende Basslinie einen Takt lang unisono mitgegrunzt]
See you in the next and don´t be late...
[tief Luft holen, um die Wiederholung zu brüllen]
DON´T BE LATE!!!
´CAUSE I´M A VOODOO CHILD... [yeah!]
LORD KNOWS I´M... [...???]
Ah? Beim letzten Gitarrefill hat sich allerdings irgendein seltsamer Oberton eingeschlichen, der so gar nicht dazugehört. Jimi spielt noch zwei Takte ohne meine Begleitung, bevor ich hastig auf [Stop/Eject] drücke und dem sofort einsetzenden Werbesprecher gänzlich den Saft abdrehe. Wie lange läutet das verdammte Mobiltelefon schon?
»Ja?« Irgendwie mache ich jetzt zuviele Dinge auf einmal. Während ich unterm Sitz rumfummle, um ihn wieder auf Normalhöhe zu kriegen, Handy zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, fällt mir das verdammte Ding runter. Aussteigen, um es hinterm Gaspedal hervorzufischen? Wird sich nicht vermeiden lassen.
»...Sie mir gut zugehört?«
»Sir Edmund, sind Sie´s? Ich fürchte, da war eine Störung in der Leitung, könnten Sie vielleicht nochmal...«
»BOTSCHAFT VON BURUNDI! JETZT!«
»Ähm hören Sie ich dachte Sie wären noch hier ich hab´ Sie nämlich gar nicht rausgehen sehen aber wenn Sie nicht allzu weit weg sind könnte ich vielleicht lassen Sie mich kurz nachdenken wo ist überhaupt die...« Klick. »...Botschaft von Burundi?« Aufgelegt.
Die gußeiserne Enterprise aus dem Vorspann schwebt nun bildschirmfüllend vor mir. Weit und breit kein Scotty, der mich zum galaktischen Außenposten des Planeten Burundi beamen könnte. Die Wolkenwand am Horizont ist inzwischen von rot zu bleigrau übergegangen. Im Handschuhfach ist kein Stadtplan zu finden. Den Wachtposten fragen, der mich wieder mit fixer Miene anstiert? Ich starre meinerseits auf die Wolken, die weiter von bleigrau zu schwarz übergehen, dann beschließe ich, Aretha Franklin einzulegen.
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