Rhythm & Blue

Roman auf der Suche nach einem Verlag

Kapitel neunzehn


Tu chercheras, tu trouveras sur les cordes bien tendues
Les chemins que suivent les Dieux !
Sur ces chemins sacrés les âmes te suivront
Et l´inerte matière et les brutes charmées
Seront captives de la Lyre! 

Amphion -- Paul Valéry


»SEX - MA - CHINE! SEX - MA - CHINE! SEX - MA - CHINE!«

Seit B.B. Kings Live-Aufnahme im Cook County-Gefängnis dürfte es klar sein, daß Zuchthausinsassen das dankbarste Publikum auf Gottes Erden sind. Wenn der Gefängnisdirektor sich dann noch als Anhänger des humanen Strafvollzugs und obendrein als Soul-Freak entpuppt, dann wirkt die Schlußszene aus Blues Brothers direkt müde im Vergleich mit der Wirklichkeit.

»Okay, okay, okay, Jungs. Sex Machine.« Flüchtiger Blick von Phil über die Schulter. Gehobene Augenbrauen. Zwinkern von Batista. Zwinkern von Jirzi. Zwinkern von mir. Alles klar. Sex Machine.

Batista preßt die Lippen zusammen und schlägt den Auftakt gegen die Kante der Snare Drum. Ooooone. Twooooo. Threeee. Foooour. Jirzi bleibt auch heute seinem Grundsatz treu, nie zweimal dasselbe zu spielen - »sonst klingt wie tote Leiche«. So warten alle vergeblich auf den vertrauten E7/9-Akkord. Statt dessen springt Jirzi bei vier auf sein Verzerrerpedal und wirft sich in ein Brutal-Intro, das wie ein Mittelding aus Van Halen, John Coltrane und Apocalypse Now klingt. Phil schaut ratlos auf Batista. Batista hält einen Stick in die Luft und schaut ratlos auf Jirzi. Ich schaue ratlos auf meine Saiten. Eine Flut von schrillen Zweiunddreißigsteln walzt alles nieder und mündet in eine Rückkopplungsorgie. Im Saal knallt kein einziger mehr sein Blechgeschirr auf den Tisch. Alle halten den Atem an und schauen uns ratlos an. Jirzi schaut auf und grinst wie ein glücklicher Amokläufer. Er feuert noch eine letzte manisch virtuose Salve ins Publikum, bevor er mir bedeutungsvoll zunickt. Aha. Gleich kommt´s.

Jjjjjaaaaawwwwwooooohhhhhlllll!!! Fett und saftig wie die tschechische Erde dröhnt eine mächtige Halftime-Groove aus den Marshall-Boxen. James Brown featuring AC/DC. Jirzi nickt Phil zu.

Get get get get get get get get up --- get oooooooon up
Get up --- get ooooooooon up
Stay on the sceeeeeeeeeeeene
Like a llllllllloooove machiiiiiiiiiine

Jetzt wirft sich Batista ins Zeug. Wenn Phil den Eindruck vermittelt, als wolle er sein Mikro vergewaltigen, begnügt sich Batista damit, sein Schlagzeug schlicht und einfach zu zerstören. Irgendwann spielt auch der Precision in seine Akzente rein und schiebt einen mächtigen Kontrapunkt unter das Gitarrenriff. Jetzt ist die Kantine wieder ein einziges Gejohle.


Ich schaue auf meine Hände, die wie von selbst spielen. Leonoras letzte Worte schießen mir gewichtslos durch den Kopf. Verweile doch, du bist so schön. Die ersten Worte nach dem Aufwachen aus einem langen Traum? Sechs Schritte von einer Zellenwand zur anderen. Einunddreißig Halbtonschritte auf dem Precision. Einen kurzen Augenblick lang fühle ich mich - frei. Ich schaue auf meine Hände und denke mir - rein gar nichts.


Verweile doch, du bist so schön. Leonora hatte zum Augenblick gesprochen, bevor sie sich die Pistole in den Mund schob und ihn in Ewigkeit verwandelte. Fragen verschwinden in Bedeutungslosigkeit, die ich als Stille inmitten der Musik empfinde. Ich horche auf das dröhnende Gewebe der Musik, und meine Freude verschluckt die letzte offene Frage: wer lenkt jetzt meine Hände?