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The General -- Buster Keaton
Woran geht man normalerweise achtlos vorbei? Schwer zu sagen: egal, was man zur Antwort gibt - zum Beispiel »die Auslage einer Apotheke« oder »Fachgeschäfte für altes Blechspielzeug« - es ist nie ganz aufrichtig, weil man ja eben doch ein bißchen daran gedacht hat. Die bloße Tatsache, daß es einem eingefallen ist, beweist, daß man irgendwie doch darauf geachtet haben muß.
Hätte mir jemand die Frage gestellt, hätte ich alles mögliche aufgezählt, nur nicht - Bücher. Weil ich auf Bücher eben wirklich sowas von überhaupt nicht achtete. Und wenn es mir jetzt einfällt, dann nur, weil es das erste war, was mir beim Betreten von Leonoras Wohnung ins Auge stach. Bücher. Überall Bücher.
Die Wohnung nahm den ganzen letzten Stock eines Altbaus nahe dem Zentrum ein, und dort stapelten sich Bücher vom honigfarbenen Parkettboden bis zur hohen Decke mit Gipsstukkatur. Überall Bücher, an allen möglichen und unmöglichen Stellen. Nicht nur in den Bücherschränken, die offenbar wirklich alt waren und nicht nur auf alt taten, sondern auch am Fußboden, auf dem Couchtisch, neben der Stereoanlage. Später sah ich dann auch Bücher am Gewürzregal in der Küche, über der Badewanne - und am Klo, wie bei meinen Eltern, allerdings gab es da nicht Reader´s Digest, sondern eben diesen Marcel Proust, den ich schon erwähnt habe, und von dem mir Leonora in den höchsten Tönen vorschwärmen sollte. Leider war ihre Ausgabe auf Französisch, und so mußte ich mich beim Scheißen damit begnügen, die verschiedenen Umschlagbilder zu studieren. Auf einem Band war eine altmodisch gekleidete Frau mit Sonnenschirm als verschwommenes Porträt dargestellt, ein anderer Band zeigte eine Tasse Tee und einen angebissenen Keks, ein dritter einen Kirchturm. Wahrscheinlich nicht viel Action.
Natürlich gab es bei meinen Eltern außer den Reader´s Digest auf der Toilette auch andere Lektüre, aber ich merkte sofort, daß hier etwas anders war. Die Bücher meiner Eltern waren oft noch in Plastik verschweißt. Auf dem Buchdeckel waren meistens ein Mann und eine Frau abgebildet, die sich umarmten. Oder nur eine Frau allein. Oder ein Mann mit einer Waffe, und im Hintergrund eine oder mehrere Frauen. Meine Eltern hatten sich vor Jahren in einem Buchklub eingeschrieben, der ihnen regelmäßig armdicke Wälzer zuschickte, die dann das große Regal im Wohnzimmer anfüllten. Wenn meine Mutter mal einen von den Wälzern zu Ende gelesen hatte (mein Vater las nur Zeitung), waren schon drei oder vier Neue nachgekommen. Mein Vater hatte mich einmal gebeten, die Bücher zu ordnen, und ich fragte mich, wie ich das wohl machen sollte. Nach der Farbe? Oder nach der Größe? Ich entschied mich für die Farbe. Ein paar Stunden später sah unser Buchregal wie ein Regenbogen aus: auf der obersten Regalstufe standen alle Bücher mit weißem Buchrücken, darunter die gelben, dann hellrot, dunkelrot, mit grünem Büchrücken fand ich leider nur zwei, und auf der untersten Regalstufe bildeten blaue und schwarze Bücher den Abschluß. Zu meiner Verwunderung waren meine Eltern über dieses Ordnungsprinzip entsetzt. Sie meinten, ich hätte nur Unfug im Kopf, und stellten kopfschüttelnd und brummelnd die alte Unordnung wieder her. Wenn man nachher genau hinsah, konnte man das halbverschüttete Regenbogenspektrum noch erkennen. Das Regal war seitdem nicht mehr umgeordnet worden.
Bei Leonora erkannte ich keines von meinen Ordnungsprinzipien wieder. Zerfledderte Taschenbücher lehnten an teuer aussehenden Lederbänden (die gab es auch bei meinen Eltern, aber da sahen sie nur alt aus - diese hier waren wirklich alt). Knallbunte Science Fiction-Comics lagen quer über staubigen Wälzern, von denen ich nicht einmal den Titel verstand (war das da Italienisch oder Spanisch?). Vor allem aber sahen diese Bücher alle gelesen aus. Mir wurde schwindlig.
Leonora warf ihre Jacke über den Kleiderständer. Dann zog sie ihr Kleid über den Kopf und ließ es auf den Boden fallen. Im Joy of Sex meiner Eltern hatte ich mal die Zeile aufgeschnappt, daß Männer im Gegensatz zu Frauen in mancher Hinsicht wie Münzautomaten funktionieren. Daran dachte ich nun, als Leonora in Schuhen und Strümpfen vor mir stand und einen abwägenden Blick in ihre Garderobe warf. Es schien ihr absolut nichts auszumachen, so unbekleidet vor mir zu stehen, und als sie mich kokett anlächelte, konnte ich nur blöd zurückgaffen. Ich gab mir Mühe, so ausgelassen wie sie zu wirken, aber die Obszönitäten von vorhin hingen jetzt wie eine Urschuld über mir und drohten, mir den Abend zu versauern. Die Stille bedrückte mich - ein paar Stock tiefer rauschte der Verkehr vorüber, hier war das einzige Geräusch das Klackern von Leonoras Stöckelsandalen, während sie unentschlossen vor ihrer Garderobe hin- und hertrippelte.
»Hast du die... alle gelesen?«
Sie zog ein Kleid aus der Garderobe - ein dunkelblaues Kleid mit kleinen weißen Pünktchen (oder Gänseblümchen?) drauf, das in seiner Schlichtheit einen pikanten Kontrast zu ihrer raffinierten Spitzenunterwäsche bildete.
»Und wenn schon?« sagte sie und zog sich das Kleid über den Kopf. Sie stöberte in einer Ecke des Wandregals, zog ein Buch raus und streckte es mir hin. Ontologie der Perplexität. Unter dem Titel des Buchs konnte ich mir absolut nichts vorstellen, also blätterte ich ein bißchen darin. Es enthielt keine Abbildungen, dafür sehr viel kleingedruckten Text, mit langen, vielsilbigen Wörtern, deren Bedeutung ich nicht kannte. Ich zögerte, es ihr kommentarlos zurückzugeben. Vielleicht sollte ich anstandshalber noch ein bißchen darin rumblättern und ihr zeigen, daß ich ihre Interessen teilte. Sie löste mein Dilemma, indem sie es mir wieder aus der Hand riß. Sie öffnete das Fenster und schwang das Buch theatralisch wie ein Diskuswerfer einen Diskus, bis es in hohem Bogen aus dem Fenster flog. Wir hörten es auf der Straße aufprallen. Jemand protestierte. Ein Auto hupte. Offenbar schmiß sie gerne Sachen aus dem Fenster.
»Jetzt bist du - perplex.« sagte sie und brach in barbarisches Gelächter aus. Dann wurde sie mit einem Schlag wieder Ernst.
»Worauf hast du Lust, Benny?« Eine Reihe von Bildern schoß mir durch den Kopf, Klischees eines »gewöhnlichen« Abends, die alle in Sekundenschnelle zu pornographischen Visionen mutierten. Was sollte ich ihr sagen?
»Weiß nicht.« Jetzt kam mir die Autofahrt wirklich wie ein feuchter Traum vor. Jetzt - war ich wach und nüchtern. Der Rausch war verflogen. Es war mir schleierhaft, wie ich vorhin meine Einfälle in Worte hatte fassen können. Ich wollte so gerne wieder in diesen Zustand der Unbefangenheit zurückfallen, aber wie? Während ich nachdachte, sah mir Leonora in die Augen, und ich hatte das Gefühl, all meine Gedankenbilder würden als winziger Film in meinen Pupillen ablaufen und sie könnte sie sehen. Leonora hakte nicht nach, und sie schien mir meine Wortkargheit auch nicht übelzunehmen. Nun erinnerte sie mich an die Kinderärztin, zu der ich nach der Geschichte mit der Zigarrenkiste geschickt worden war. Sie entschuldigte sich kurz und verschwand in der Küche.
Die Bücherwand wirkte bedrohlich, aber Leonora hatte auch eine beachtliche Plattensammlung, und mit Platten konnte ich etwas anfangen. Wenn ich bei Leuten eingeladen war (was nicht sehr oft vorkam), war die Plattensammlung das einzige, was ich mir genau ansah. Meistens waren es nicht so sehr einzelne Platten, die ich mochte oder nicht mochte, sondern Kombinationen. Eine einzelne Platte konnte als Mißgriff oder als Glücksgriff gewertet werden, aber wenn Keith Jarrett: The Köln Concerts und Dave Brubecks Greatest Hits Seite an Seite standen, konnte man sicher sein, daß man den ganzen Abend lang das Wort »genial« zu hören bekommen würde. Geniaaaaaal. Immerhin. Bei Tracy Chapman und Tanita Tikaram (die einzeln schon schlimm genug waren) versickerte der Abend meistens in peinlichem bis feindseligem Schweigen. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch Kombinationen, die sympathisch waren, wie zum Beispiel - heyyyyy: Wayne Shorters Atlantis neben The Greatest Hits of Chic and Sister Sledge! Das konnte nicht sein! Rufus & Chaka Khan neben Hal Galpers Ivory Forest! Ich ließ Zeige- und Mittelfinger über die Plattencovers hürdenlaufen und traute meinen Augen nicht. Ornette Coleman!? Chuck Brown & The Soul Searchers?! Bartok!?! Abba?!? Wo ich in Leonora bis jetzt nur Untiefen voller unheimlicher Schatten wahrgenommen hatte, tat sich plötzlich ein Kontinent gemeinsamer Vorlieben auf. Im Auto war ich bloß verwundert gewesen, daß sie manche schrägen Musiker kannte, die ich gerne hörte. Es war mehr eine Vorahnung, doch die richtige Offenbarung fand jetzt statt. Selbst ihr schlechter Geschmack hatte Stil.
Leonora kam mit einer Sektflasche und zwei Sektflöten aus der Küche zurück. Sie glitt auf die Couch und nickte mir zu, ich solle mich neben ihr niederlassen.
»Na schön. Wenn du keinen Vorschlag hast, dann mache ich eben einen. Ich schlage vor, wir saufen uns an, und dann unterhalten wir uns ein bißchen. Oder sollen wir uns einen Pornofilm anschauen? Ich hab´ alle Teresa Orlowskys.« Der Korken knallte und flog gegen die Decke.
»Ansaufen ist schon okay.« sagte ich mit schlecht gespielter Gelassenheit und starrte auf ihre Beine, auf die sich der überquellende Sektschaum ergoß.
»Ungeschickt...« sagte Leonora zu sich selber und verfolgte gedankenverloren die perlenden Bahnen, die an ihren Beinen runterliefen. Erst als der Strom versiegt war, nahm sie die Flasche und füllte unsere Gläser. Wir ließen sie aneinanderklingeln, Leonora runzelte kurz nachdenklich die Stirn und sagte dann feierlich:
»Auf die Ungeschicklichkeit.«
»Auf die Ungeschicklichkeit.« erwiderte ich zögernd und überlegte mir die tiefere Bedeutung dieses seltsamen Trinkspruchs. Ich empfand ihn spontan als Aufmunterung, bei näherer Betrachtung schien er jedoch ein paar unzumutbare Fußnoten zu beinhalten, und deswegen lenkte ich meine Überlegungen schnell in eine andere Richtung.
Wir nippten an unseren Sektgläsern und sahen uns schweigend an. Ich hätte gerne mit ihr über ihre Platten geplaudert, aber irgendwie fühlte ich, daß sie sich jetzt etwas anderes von mir erwartete.
»Hast du eine Zigarette, Leonora?« Ich hatte vor Jahren das Rauchen aufgegeben, aber plötzlich stieg in mir ein unbändiges Verlangen nach einer Zigarette auf. Diese Zigarette war jetzt die wichtigste Sache der Welt, denn sie schob alle beängstigenden Gedanken beiseite, die in mir aufzusteigen drohten.
Leonora ging wieder in die Küche. Ich hörte das Rollen von Schubladen und das Klappern von Schranktüren und merkte, daß ich wieder zu zittern begonnen hatte. Sie kam zurück und hielt mir eine Packung filterlose Gauloises hin. Mit zitternder Hand fischte ich eine Zigarette raus, aber plötzlich veränderte sich etwas. Es war mir nicht mehr unangenehm, in ihrer Gegenwart zu zittern. Leonora fixierte die tanzende Flamme des Feuerzeugs, und eine sonderbare Erregung machte sich in mir breit. Ich zog an der Zigarette und inhalierte tief, es zerriß mir fast die Lungen, und Tränen stiegen mir in die Augen, als ich Leonora durch den blauen Rauch hindurch ansah. Meine Unrast war in eine seltsame Art seelenruhiger Hochstimmung umgeschlagen. Ich beobachtete meine zitternden Gelenke, aber es kam mir so vor, als würde dieser Körper nicht zu mir gehören - er drückte nicht das aus, was mir durchs Hirn ging. Ich schwieg weiter und schaute Leonora an. Auf dem windstillen Wasser meiner tiefblauen Zuversicht kräuselten sich kleine Wirbel, die allmählich zu ausgewachsenen Strudeln anwuchsen und ihre Quecksilberröhren tief bis in den aufwirbelnden sandigen Grund schlugen. Gerade noch waren es persönliche Gedanken, obszöne Gedanken, lächerliche Gedanken, jetzt waren es nur mehr Strudel, ungreifbare Schläuche, die sich langsam und anmutig in die Tiefe wanden. Leonora wartete geduldig - obwohl es eigentlich nicht warten war, was sie tat. Warten bedeutete, daß sie sich irgendein Resultat meines Schweigens erwartete. Warten benötigte Geduld, aber die war hier unerheblich. Leonora war einfach da, und ich konnte schweigen, solange ich das Bedürfnis dazu verspürte. Ich wußte, daß sie nicht als erste etwas sagen würde. Vor zehn Minuten - oder wie lange saßen wir schon schweigend da? - hätte ich es als unangenehm empfunden, jetzt war ich ihr fast dankbar dafür. Ich begann, mit meinem Blick über ihren Körper zu schweifen, nicht verstohlen, sondern bewußt. Ich ließ meinen Blick über ihre Beine gleiten, und ab und zu sah ich ihr wieder in die Augen, wie ein Taucher, der Luft holt, um wieder in die Tiefe hinabzusinken. Ich nahm mir Zeit. Ich hatte Zeit. Es gab keine Zeit mehr.
Ein flimmernder schwarzer Kreis engte mein Gesichtsfeld ein, aber darin nahm ich alles mit einer ungeheuren Präzision wahr - die Falten, die ihre Strümpfe um die Kniekehlen und die Fesseln warfen, jede einzelne Faser des Nylons, der sich über ihre blasse Haut spannte, die angefeuchteten Flächen, die der Sektschaum hinterlassen hatte. Die Enterprise flog nun Lichtgeschwindigkeit in einem täuschend starren Universum, und einsame Nacht umgab sie.
Leonoras große tiefgrüne Augen schimmerten klar und unergründlich wie ein Gebirgssee im Abendlicht, eingebettet in das ewige Eis ihrer Puppenhaut. Ab und zu blitzte ein kecker Kringel auf der Oberfläche, doch schon war der Gedanke, der ihn verursacht hatte, wieder hinabgetaucht, und ich sah nur noch seinen flüchtigen Schatten in der Tiefe verschwinden. Ich hätte ihr gerne von den Bildern erzählt, die in meinem Kopf aufstiegen, aber sie verwandelten sich nur zu einem Bruchteil in Wörter, oder höchstens in unzusammenhängende Satzfetzen. Außerdem fürchtete ich, daß der harte Klang meiner Stimme den dünnen Gedankenfaden zerreißen würde, der sich langsam in mir weitersponn - und würde ich dieses abgelegene Tal der Stille jemals wiederfinden?
Der Anblick der Bücherwand bekam nach und nach etwas Bedrückendes. All das, was mir jetzt einfiel und sich langsam zu Ketten von Wörtern bildete, die mir neu vorkamen, stand da vielleicht schon drin, irgendwo zwischen zwei vergilbten halbvergessenen Seiten, und obendrein vielleicht noch viel besser zu Ende gedacht und ausgedrückt. Leonora hatte mich zwar zur Ungeschicklichkeit ermuntert, aber ich hatte doch Angst, daß sie meine Worte als abgedroschen empfinden würde. Sie schien diese inneren Bedenken an meinem Gesicht abzulesen und schenkte mir Sekt nach. Ich trank das Glas in einem gierigen Zug leer - die Aufregung des Abends trug erheblich dazu bei, daß es mir augenblicklich zu Kopf stieg.
»Leonora...« Ich war kurz davor, zu lallen. Ihr Name füllte den Raum aus. Ich hörte das Eis knirschen - bald würde es tauen und abbrechen und in der Flut schmelzen.
»Ich sitze einfach da und starre dich an. Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf, aber... ich weiß nicht, wie ich sie ausdrücken soll, oder... manchmal weiß ich es doch, und es kommt mir ein bißchen lächerlich vor...« Ich hörte mir beim Denken zu. Die Schweißnässe in meinem Rücken war mir nun gleichgültig. Leonora kniff die Augen zusammen. Sie wirkte gespannt aufmerksam, ohne eine Spur von Feindseligkeit.
»In ein paar Stunden werde ich müde sein... ich werde schlafen... ein neuer Tag wird beginnen, und ich werde warten müssen... so wie man jahrelang auf die Rückkehr eines Kometen wartet... bis wir uns so wie heute gegenübersitzen... und da draußen sind so viele Dinge, an denen ein Komet zu Staub zerschellen kann... dann kann man warten, solange man will, der Himmel bleibt schwarz...« Es dauerte nicht lange, bis obszöne Visionen Leben in diesen schwarzen Hintergrund brachten. Ich hatte Mühe, mir zu folgen.
»Ich weiß nicht mal genau, was ich von dir will.« log ich, um irgendwas zu sagen.
Leonora nickte langsam, als würde sie hinter meinen Worten einen tieferen, mir selbst unbekannten Sinn erahnen.
»Ich weiß, was du von mir willst, Benny. Aber weißt du, was ich von dir will?« Ihre Stimme klang zugleich warm und sachlich.
»Nein.« Diesmal war ich ehrlich. Sie lehnte sich zurück und schaute an die Decke. Ihre wohlgeformten Brüste hatten die Wölbung von zwei Honigmelonen und spannten den Stoff ihres Kleides.
»Hast du schon mal was von amour courtois gehört?«
»Nein. Was ist das?«
»Amour courtois. Ritterliche Liebe.«
Ein Gefühl der Enttäuschung durchfuhr mich. Ritterliche Liebe. Was konnte das sein? Eisenherz ritt über die Zugbrücke und machte sich auf, in fernen Ländern einem Haufen Analphabeten den Schädel einzuschlagen. Ilene stand auf der Burgmauer, einen Blumenkranz in ihrem geflochtenen Haar, und winkte Eisenherz. Es gab keine Frauen auf Burgmauern mehr, und ich sollte mich wohl kaum freiwillig bei der Fremdenlegion melden. Was konnte Leonora von mir wollen? Was es auch war, ich stellte es mir als sehr aufwendig für mich vor, und nicht besonders aufregend.
»Amour courtois«, fuhr Leonora fort, »ist eine ganz spezielle Spielart der Liebe.«
Also doch? Ich sah einen flüchtigen Flash von Folterkammern, Streckbänken und glühenden Eisen.
»Was ist daran so speziell? Nun, zunächst einmal gibt es keinen Sex. Verboten.« Sie quittierte meinen enttäuschten Gesichtsausdruck mit einem schiefen Lächeln. »Der Troubadour - das ist unser ritterlicher Liebhaber - bekommt seine Dame höchstens einmal bei einem Turnier zu Gesicht. Wenn überhaupt. Sie schenkt ihm irgendein Stück ihrer Kleidung, einen Kamm, ein Halstuch, ein Strumpfband. Das trägt er dann ganz stolz bei sich und zieht in die Schlacht. Das höchste der Gefühle ist vielleicht einmal ein Küßchen in Ehren.«
Was würde jetzt geschehen? Leonora würde mir einen Gute-Nacht-Kuß auf die Wange drücken? Ich würde im Regen zum Wagen gehen, ihren Strumpfbandgürtel in der Hosentasche? Komische Vorstellung. Gefiel mir überhaupt nicht.
»Was macht nun unser Troubadour, wenn er weit weg von seiner Dame ist und ihm die Zeit lang wird? Er schreibt ihr. Gedichte. Gesänge. Und die schickt er ihr dann.«
Schreiben? Wollte sie, daß ich ihr schreibe? Solange meine Großmutter noch lebte, schrieb ich ihr einmal im Monat einen Brief ins Altersheim, und auch nur, weil sie mich darum gebeten hatte, sie auf dem laufenden zu halten, was ich so treibe. Nachdem ich eigentlich immer dasselbe trieb, schreib ich auch mehr oder weniger immer denselben Brief. Und selbst dabei hatte ich alle Mühe, das Blatt vollzukriegen, denn ich nahm mir immer vor, wenigstens eine ganze Seite zu schreiben.
»Und was passiert dann, wenn der Typ genügend Gedichte geschrieben hat?« fragte ich.
»Nichts. Es hat mich nur auf eine Idee gebracht. Aber dazu müssen wir das Paradigma wechseln.«
»Das was?«
»Das... Schema. Was hältst du denn von ritterlicher Liebe?«
Absolut nichts. Noch weniger als von Peitschen und Ketten. Da wäre wenigstens was los, und vielleicht hätte ich mich sogar daran gewöhnen können. Aber an ritterliche Liebe? Niemals.
»Hmm. Weiß nicht.« Vielleicht hielt sie viel davon, auch wenn ich diese Vorliebe mit dem, was sich im Auto abgespielt hatte, nicht ganz in Einklang bringen konnte. Hatte sie mich am Ende nur scharfgemacht, um mich jetzt wie eine heiße Kartoffel fallenzulassen? Alles nur, damit ich ihr unter größten Mühen holprige Gedichte bastelte? Wut und Resignation stiegen in mir auf.
»Klingt ein bißchen trostlos.« wagte ich mich vor.
»Ein bißchen?!? Benny!!! Das ist doch die trostloseste Sache der Welt!!!«
Mir fiel ein Pflasterstein vom Herzen. Es war also nur ein schlechter Scherz. Klammer zu. Die prickelnde Stimmung von vorhin war zwar verschwunden, aber das konnte ja wieder werden.
»Und warum hast du mir das alles dann erzählt?«
»Wie gesagt, es hat mich auf eine Idee gebracht. Ich habe dir ja schon angekündigt, daß ich etwas von dir will. Eigentlich sollte ich mir ja damit Zeit lassen, aber dann habe ich mir gesagt, ist vielleicht reizvoller, wenn wir gleich damit anfangen.«
»Wenn wir gleich womit anfangen?«
Sie ignorierte meine Frage.
»Benny, ich bin genauso scharf auf Sex wie du.« Der Pflasterstein rutschte etwas tiefer in meine Hose. »Sex ist einfach die schönste Sache der Welt, und wenn er das nicht ist, dann muß man eben die schönste Sache der Welt draus machen. Was ich also von dir will, oder besser gesagt, was ich mit dir will, Benny, ist toller Sex! Schau mich nicht so entgeistert an! Jetzt hör dir erst mal den Rest an, sonst wirst du mir vor lauter Einschüchterung gleich impotent.«
Ich war gerade dabei, meine besten Fingernägel zu ruinieren.
»Also«, fuhr sie fort, »was ist heute beim Sex ritterlich? Was tut der moderne Sex-Ritter - oder nennen wir ihn etwas zeitgemäßer Sex-Gentleman? Er macht nicht nur Komplimente, wie ich dir vorhin erklärt habe, sondern bemüht sich ebenso um die Aufrechterhaltung seiner Komplimente. Im Klartext: er hütet sich davor, abzuspritzen, bevor seine Geliebte alle ihre Orgasmen, oder zumindest einen, gehabt hat. Das ist einfach... Höflichkeit, wie wenn du einer Frau beim Einsteigen in den Bus den Vortritt läßt. Was meinst du?«
Ich nickte eifrig.
»Es geht also um Geduld. Plus c´est long, plus c´est bon, wie die Franzosen sagen. Je länger, desto besser. Jetzt mal zeitlich gesprochen.« Sie sah die besorgte Skepsis in meinem Blick. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich verlange von dir nicht, daß du den Weltrekord in Dauererektion brichst. Es ist mehr ein Spiel, das ich dir vorschlage.« Die ganze magische Spannung von vorhin war verschwunden. Sie sprach, als würde sie mir die Regeln von Monopoly erklären.
»Hast du schon mal von Freuds Unbehagen in der Kultur gehört?«
Freud kannte ich. Das war der Typ, der das Unterbewußtsein oder so erfunden hatte. Die Frage kam im Trivial Pursuit vor, und ich hatte sie mir gemerkt, weil es mal Streit gab, ob meine Antwort gültig war oder nicht.
»Nein.« Jede Hoffnung, mit ihr etwas über ihre Plattensammlung zu plaudern und dann ein bißchen rumzuschmusen, war jetzt endgültig den Bach runter. Es drohte eine Abhandlung über ihre Bücher.
»Na, egal. Weißt du, worauf unsere gesamte Kultur aufgebaut ist? Unsere gesamte Zivilisation?« Sie zündete sich ebenfalls eine Gauloise an und blies den Rauch gedankenverloren in die Luft.
»Auf schlechtem Sex. Auf zuwenig Sex. Auf gar keinem Sex. Auf einem Haufen Frust.« Sie ließ mir Zeit, diese Meldung zu verdauen.
»Diese ganzen Bücher da« - sie beschrieb mit einer Hand einen Halbkreis in Richtung der Bücherwand - »sind eigentlich nur geschrieben worden, weil ihre Autoren sexuell vertrackt waren. So wie, wenn du im Krankenhaus liegst und vom langen Liegen einen eitrigen Abzeß kriegst. Wenn du nur lange genug enthaltsam bist, dann fließt vielleicht irgendwann einmal Tinte aus deiner wundgelegenen Seele.«
»Aber... du hast doch auch ein Buch geschrieben.«
War ihr Gesichtsausdruck jetzt... perplex, wie sie das vorhin genannt hatte? Jedenfalls dachte sie länger nach als sonst.
»Wie stellst du dir mein Sexleben vor, Benny?«
»Weiß nicht. Wild.« Vor meinem geistigen Auge wechselten Photos aus den Ankündigungskästen von Pornokinos einander ab, mit Leonora als weiblichem Hauptdarsteller. Ich hatte Mühe, mir die Balken von den Brüsten und den Geschlechtsteilen wegzudenken.
Als hätte sie meine Gedanken erraten, sagte sie: »Wild, ja.« Sie zog an ihrer Zigarette und inhalierte tief. »Aber nicht gut.« Sie blies den Rauch in die Luft und sah mich an.
»Und... ich soll das jetzt ändern?« fragte ich ungläubig.
»Ja.«
Überfordert. Das war die Terz zu der bizarren Harmonie, die meine Anziehung zu ihr ausmachte. Was wohl nichts anderes bedeutete, als daß ich etwas von ihr lernen wollte. Ich stand auf und ging zum Fenster.
Unter dem bewölkten Nachthimmel war die Sicht vollkommen klar. Straßen zogen ihre Leuchtbahnen und kreuzten sich. Ganze Stadtviertel lagen ausgebreitet da wie ein gigantisches Monopoly. Es gab Regeln dazu, und es lag nur an mir, sie einzuhalten oder nicht. Neben mir schlug ein Schmetterling mit den Flügeln - wann würden die ersten Sturmwolken am Horizont heranziehen?
Der Sekt perlte noch immer in meinem Kopf. Worte würden mir jetzt leicht von der Zunge gehen. Bald würde ich schlafen, der Komet würde so oder so irgendwann zu Staub zerschellen, aber Worte waren ein neues Instrument in meinen Händen, und ich wollte dieses Instrument spielen. Sie konnten vielleicht die Welt aus den Angeln heben, wie eine gute Basslinie. Ich war noch ein Anfänger, aber das Spiel würde mir sicherlich gefallen. Ich kehrte der Stadt den Rücken zu und sah Leonora an.
»O.K., ich will mit dir spielen.« Sie schenkte mir ein breites Lächeln der Zufriedenheit. »Erklär´ mir die Regeln.« Sie drückte ihre Zigarette aus.
»Ich will deine Phantasien, Benny.«
Es war nur ein Spiel, und deswegen ließ ich den Satz einfach in der Luft hängen und wartete auf den Rest. Sie zündete sich gleich eine neue Zigarette an. Jetzt würde sie die Karten auf den Tisch legen.
»Es wäre natürlich verlockend, wenn wir jetzt ohne weitere Umschweife zur Sache kommen und uns die ganze Nacht das Hirn rausvögeln.«
Ich nickte höflich. Es war nur ein Spiel, und mir fiel plötzlich auf, daß ich nirgends mit mehr Ernst bei der Sache war als beim Spielen.
»Aber guter Sex passiert nicht so einfach, Benny. Der fällt einem nicht so einfach in den Schoß, könnte man sagen. Der Sex, den ich meine, ist nicht nur eine unterhaltsame Episode im Leben. Ich rede hier von dem Sex, der das Leben selbst ist. Wir könnten jetzt Sex haben, hier und jetzt, auf der Couch, und es könnte sehr gut sein. Aber wie toll wir´s jetzt auch treiben würden, es wäre immer nur die Spitze eines Eisbergs. Vielleicht eine große Spitze, aber eben nur eine Spitze. Ich will aber wissen, was unter der Oberfläche ist. Ich will den ganzen Eisberg.«
Alkohol war zwar förderlich für das Ausdenken von eigenen Bildern, dafür verstand ich Leonora umsoweniger, wenn sie in ihren eigenen Bildern sprach. Sie dürfte meine nachdenkliche Miene für Zögern gehalten haben, denn sie setzte hinzu:
»Du stehst jetzt da wie der Fischer aus der Fabel. Soll ich den kleinen Fisch ins Wasser zurückschmeißen und auf einen größeren hoffen? Un tien vaut, ce dit-on, mieux que deux, tu l´auras. L´un est sûr, l´autre ne l´est pas.«
»Und was bedeutet das?«
»Das bedeutet: der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach. Die Zweideutigkeit dieses monumentalen Satzes laß jetzt mal beiseite. Mit der Moral dieser Fabel gebe ich dir eigentlich einen schlechten Rat. Und überhaupt war ich mit dem Wort Moral immer per Sie. Nach der Fabel von der Ameise und der Heuschrecke habe ich Heuschrecken geliebt und Ameisen gehaßt. Am liebsten hätte ich die widerlichen kleinen Streber alle zertrampelt, aber dazu bin ich zu tierlieb. Hhhhhps!« Erst jetzt merkte ich, daß auch sie ziemlich einen sitzen hatte.
Ich stand noch immer beim Fenster, Leonora war während der ganzen Diskussion auf der Couch ausgestreckt geblieben. Plötzlich fehlte auch hier in meiner Erinnerung ein Übergang, denn nun stand sie vor mir und hatte meine Hände in ihre genommen. Ihr Gesicht war weniger als zehn Zentimeter von meinem entfernt.
»Du spielst also mit mir?« hauchte sie. Sie roch so verdammt gut. Ich atmete ihren Duft ein. Es war ein Duft, der einen zu Gewaltakten treiben konnte.
»Ja. Ich weiß aber noch immer nicht genau, was du von mir willst. Aber... wie könnte ich wohl nein sagen?«
»Benny, du weißt nicht, was auf dich zukommt.«
»Ich glaube nicht, daß mich jetzt noch etwas erschüttern kann.« sagte ich leichtfertig.
»Also... Pfadfinderehrenwort?«
»Pfadfinderehrenwort.« Obwohl ich selbst nie bei den Pfadfindern war, respektierte ein Rest von kindlichem Aberglauben in mir den Ehrenkodex der wohltätigen Strolche mit den braunen Hemden. Leonora fuhr mit einem Finger über mein Kinn.
»Eigentlich... ist diese Fabel saudumm. So richtig was für Spießbürger, die ihre tägliche Selbstbeschneidung auch noch literarisch belegt haben wollen. Was meinst du? Man kann ja ruhig den kleinen Fisch essen, und dann nachher trotzdem noch einen Großen angeln...« Sie ließ mir keine Zeit, die praktische Tragweite dieser modifizierten Fabelmoral zu überdenken.
Manchmal ist Alkohol eine feine Sache. Er nimmt einem alle Hemmungen, man mutiert vom Mauerblümchen zum Salonlöwen - zumindest kommt es einem selber so vor - dafür bekommt man alles weit weniger intensiv als in nüchternem Zustand mit. Ich verfluchte nun meinen Schwips, weil ich diesen unwirklichen Moment so gerne mit taufrischen Sinnen erlebt hätte.
»Willst du in meinen Mund kommen?« hatte mir Leonora soeben ins Ohr geflüstert, ihre Hände hatten an meinem Hosenschlitz rumgespielt, und nun kniete sie vor mir, ihre Zungenspitze kreiste um meine Eichel, und jetzt schob sie meine Vorhaut mit den Lippen hin und her.
Es war das erste Mal, daß eine Frau meinen Schwanz in ihren Mund nahm, und vielleicht war es ganz gut, daß ich vom Alkohol ein bißchen betäubt war, denn es fühlte sich so unglaublich gut an, daß ich die Engel singen hörte. Und nicht nur singen. Der Gitarreengel übergoß seine Stratocaster mit Benzin, steckte sie in Brand und zerschmetterte sie gegen die Marshallwand, die jetzt von der Druckwelle der explodierenden Basstrommel erfaßt wurde, die der Schlagzeugengel wie Keith Moon in der Smothers Brothers Show mit Schwarzpulver gefüllt und angezündet hatte. Nach ein bißchen Headbanging und Stagediving auf der zertrümmerten Bühne zog sich die Engelsband in ihr verwüstetes Hotelzimmer zurück und gab einem Dutzend ausgesuchter Groupies unter ausgiebigem Saufen, Kiffen und Koksen den Rest.
Im Gymnasium hatte ein Junge uns eines Tages erzählt, daß er es schaffen würde, sich selbst einen zu blasen. Er war ziemlich gelenkig, und die Länge seines Gliedes - mit dem er in der Turnstunde gern prahlte - tat ein übriges dazu. Wir lachten alle verächtlich, aber ich bin sicher, noch am selben Abend hat jeder von uns seine Wirbelsäule zum Krachen gebracht - ohne Erfolg. Ich onanierte damals viel, es verging eigentlich kein Tag, ohne daß ich mir einen runterholte, und natürlich war auch ich auf der Suche nach interessanten Variationen. Mein gescheitertes Selbstblasexperiment war eine meiner größten Enttäuschungen, und noch enttäuschender war es, als meine ersten Freundinnen auf einschlägige Vorschläge nur angewidert das Gesicht verzogen. Meine Allererste hätte sich vielleicht gerne dazu bereit erklärt, aber bei meinem ersten Sex war mein Geisteszustand ein Mittelding aus Koma und Hirntod, und so dachte ich auch nicht daran, den Vorschlag zu unterbreiten. Ich mußte mich also jahrelang damit begnügen, mir das Gefühl vorzustellen. Jetzt war es soweit, und es übertraf meine Erwartungen sosehr, daß es kaum ein paar Augenblicke dauerte, bis ich Leonoras Mund überschwemmte.
Sie stand auf. Wir sahen uns an. Sperma lief von ihrem Mundwinkel über ihr Kinn. Ich überlegte mir, was ich sagen sollte. »Danke«, »Entschuldige« und »Ich liebe dich« verwarf ich, aber sonst fiel mir nichts ein. Sie blickte amüsiert zu meinem Schwanz runter, der inzwischen erheblich zusammengeschrumpelt war.
»Wie die Peau de Chagrin. Wünsch dir was, schon schrumpft die Haut. Hmmm. Witziger Zufall.«
Die Betäubung der Erregung wich mit einem Schlag. Auf nüchternen Magen vertrug ich Alkohol sehr schlecht. Mir kam etwas Magenflüssigkeit hoch, und mit ihr der absurde Beigeschmack der ganzen Situation. Ich schloß meinen Hosenschlitz, nahm ein Taschentuch, wischte erst Leonora das Sperma vom Kinn und spuckte dann selber hinein. Ich setzte mich wieder auf die Couch und zündete mir eine Gauloise an, worauf mir wieder schwindlig wurde.
Der herbe Geschmack von Mundfick und braunem Tabak versetzte mich in eine andere Welt - in die Welt, in der ich mit Fräulein Dvorak Cowboy und Indianer gespielt hatte. Diese Welt war von der Welt, in der ich lebte, durch eine dicke Mauer getrennt, aber nun hatte ich einen versteckten Durchgang gefunden, ich müßte nur ein paar Türen aufstoßen, und schon wäre ich drüben. Dumpf fühlte ich, daß es dann kein Zurück mehr gäbe. Andererseits wollte ich wissen, was drüben war.
»Hör mal, Leonora, ich bin etwas... verwirrt. Das ist alles nicht... normal, was heute passiert. Der ganze Abend ist so seltsam, so... ungewöhnlich.«
»Du wolltest doch einen ungewöhnlichen Abend.«
Ich sah auf den Boden und dachte lang nach.
»Ich glaube, an deine ungewöhnlichen Abende muß ich mich erst gewöhnen.«
»Dann sind sie aber nicht mehr ungewöhnlich, oder?«
Ich starrte weiter auf den Boden.
»Ich glaube, du verlangst zuviel von mir, Leonora.«
»Du weißt ja noch gar nicht einmal genau, was ich von dir verlange.«
Sie setzte sich auf meine Knie, zündete sich eine Zigarette an und legte einen - wie mir scheint tröstenden - Arm um meinen Hals.
»Benny, das ist nicht nur so eine plötzliche Marotte von mir. Im Gegenteil, du weißt nicht, wie wichtig das für mich ist. Du weißt auch nicht, wie recht du vorhin gehabt hast. Ja, ich bin auch sexuell vertrackt. Der Zusammenhang mit meinem Buch verhält sich zwar etwas komplizierter, aber du bist da schon auf der richtigen Spur. Was ich meine, ist: wir sind alle vertrackt. Pervers. Daneben. Die einen kriegen nur dann einen hoch, wenn sie von ihrem Partner nach Strich und Faden betrogen werden. Die andern können nur, wenn sie selber fleißig fremdgehen. Manche bringen´s nur mit bestimmten Kleidungsstücken, andere nur dann, wenn sie vorher kräftig ausgepeitscht werden.« Zu den letzteren rechnete sie sich offenbar nicht. Ich war etwas erleichtert.
»Und du brauchst... meine Phantasien. Ich soll dir... etwas vorphantasieren... so wie vorhin im Auto?«
Sie nickte ermutigend, so wie Fräulein Dvorak, wenn ich dabei war, eine komplizierte Aufgabe ihrer richtigen Lösung zuzuführen.
»Weißt du, daß mich das enorm viel Überwindung gekostet hat?«
»Ich weiß. Aber gerade deswegen war´s ja auch toll. Sonst wär´s ja nichts wert gewesen. Ich habe dir doch gesagt, was das Tollste am Mann ist: Überwindung.«
»Hmm. So gesehen müßte jeder verklemmte pickelgesichtige Informatikstudent dein Traummann sein.«
»Nein, weil der sich ja nicht mehr überwindet. Der müßte erst durch zehn Meter Beton durch, aber da ist diese kleine Stimme in seinem Kopf, die flüstert ihm zu: Lascia le donne e studie le mathematiche. Vergiß die Frauen und studier´ Mathematik. Oder halt Informatik.«
»Und... beim nächsten Mal (ich bereute den Ausdruck, sowie ich ihn verwendet hatte) erzähle ich dir dann wieder was? Die gleiche Story kann ich dir ja nicht noch einmal erzählen. Also muß ich jedesmal, wenn wir, na ja... muß ich dir was Neues erzählen?«
»Genau wie Scheherazade, Benny. Mach mich jeden Tag geil, sonst kommt der Großwesir und hackt dir den Schwanz ab. Hihihi!«
Ich sah sie entgeistert an. Sie stand auf und drehte sich vor mir wie eine Turnerin, die nach einem Dreifachsalto vom Stufenbarren perfekt auf der Matte gelandet ist.
»Junge, ich hab´ mich gerade selber zu deiner Muse erklärt«, sagte sie mit übertrieben strenger Miene, »also komm´ jetzt nicht daher und sag´, daß dir nichts einfällt!« Sie setzte sich wieder auf meine Knie und flüsterte mir ins Ohr: »Komm, Benny, wir vergessen die ganze Geschichte. Nimm mich hier auf der Couch, oder am Boden, und wir treiben´s mindestens zehnmal hintereinander.«
»Ich fürchte, daß ich jetzt...«
Sie sprang wieder auf. »Du FÜRCHTEST?! Was denn!? Daß du´s nicht bringst, vielleicht?!?« Sie grinste. Warum merkte ich immer erst zu spät, wenn sie mich verarschte?
Sie legte ihren Zeigefinger auf ihre zusammengekniffenen Lippen. »Dann ist´s vielleicht besser, einmal an zehn Abenden, als zehnmal an einem Abend, was meinst du? War vielleicht nur die Vorgabe unvernünftig?« Leider hatte sie auch genau dieselbe Art wie Fräulein Dvorak, mich durch den Kakao zu ziehen, wenn ich etwas nicht gleich kapierte.
»Aber...« Tausend einsame Aber schossen mir durch den Kopf, ohne das geringste Begleitargument.
»Nichts aber, Benny. Alles, was dir einfällt. Und einstweilen bekommst du von mir nur den einen guten Rat. Les paroles s´envolent, les écrits restent. Schreib auf, was dir einfällt.«
»Abbb... ich hab´ sowas noch nie gemacht, Leonora. Ich hab´ keine Ahnung, ob mir überhaupt was einfallen wird. Du wirst mich auslachen, wenn du´s lesen wirst.«
»Ich dachte, dir wird nichts einfallen. Wie soll ich dann lachen, wenn ich nichts zu lesen habe? Na, und schlimmstenfalls bringst du mich halt zum Lachen, ist das so tragisch?«
Sie kam zu mir rüber und faßte mich bei den Händen. »Hey, Benny«, sagte sie mit vertraulich leiser Stimme, »was du mir vorhin erzählt hast, war überhaupt nicht zum Lachen. Das hat mir sehr gut gefallen. Sei einfach du selbst, dann kann nichts schiefgehen. Hier geht´s nicht um... Rechtschreibfehler, oder um... Stil. Du kriegst von mir keine Beurteilung. Tob dich aus, soviel du willst. Wir sind jetzt im Kindergarten. Sei ein großes Kind und spiel mit mir... auf dem Papier.« Sie ließ meine Hände wieder los. »Sei ein Sklave deiner Freiheit. Hast du Star Wars gesehen?«
»Ja, alle drei.«
»Use the force - but don´t force.«
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